Rübezahl 2026, ein Bericht von Jakob

Das war richtig hart. Also nicht nur ein bisschen mehr als sonst, sondern ordentlich. Im Nachhinein beginne ich zu begreifen worauf ich mich eingelassen habe, und freue mich, dass ich es im Voraus nicht begriffen habe, denn dann wäre ich sicherlich davor zurückgeschreckt. Das ich es ins Ziel geschafft habe wundert mich, und dass ich auch noch im Zeitlimit für die Homologation war umso mehr. Aber der Reihe nach.

Los ging es eigentlich schon vor 2 Jahren als Sascha seine Überlegungen für einen neuen Superbrevet von Berlin aus veröffentlichte und den ersten Streckentest fuhr. Abendstart, Berge, Ecken von Tschechien die ich überhaupt nicht kannte? Ja bitte, dachte ich nach erst 2 Brevetsaisons und den ersten überstandenen 600er. Dann kam im nächsten Jahr ein weiterer Preride bei komplettem Mistwetter, und das hörte sich eine ganze Ecke härter an. Als bei der Anmeldung dieses Jahr eine Option für Rübezahl aufploppte prüfte ich Familien- und Dienstkalender und wagte den Schritt. Kneifen hätte ich ja immer noch können.

Fast forward zum ersten Ferienwochenende; die Kids sind auf diverse Großeltern aufgeteilt, und Bammel und Vorfreude steigen an. Zum Amstel House am hellerlichten Tag zu fahren war auch was Neues, weniger Partyleichen, mehr Verkehr. Nach quatschen und Nixbier ging es dann 16 Uhr los in die Nachmittagshitze.

Auf Alt-Moabit geriet ich gleich in eine Rennradgruppe mit sichtbaren Salzrändern. Bisschen Windschatten, dann zogen die fort. In Adlershof winkte ich in Richtung Wohnung; in 1 km zu Hause sein oder 1200? Ab Hofjagdweg wurde es einsamer; kurz vor Köthen zogen mir alle davon, und meine 3 Liter Wasser waren auch schon alle. In Großwasserburg füllte ich am Friedhof auf und rollte weiter bis zur Tanke in Lübben, wo ich mir Eis und Cola gönnte. Die mitgeführten Käsestullen waren zu Fondue geworden, die Snickers sowieso flüssig.

In der Abenddämmerung schloss ich zu Ingolf, Markus, und Roland auf, und so rollten wir in die Lausitz hinein. Es war lustig Orte von der Tandemtour mit P2 wieder zu erkennen als sie aus der Dunkelheit ragten: die rettende Bushütte in Sprey, der Spreeradweg am Bärwalder See. Über dem See war der Himmel klar, und vom Kraftwerk abgesehen keine Lichtverschmutzung; ich bildete mir ein die Milchstraße sehen zu können.

Kurz vor Görlitz rollten wir in der 24-Tanke am Ende eines Missverständnisses zwischen der Tankwartin und eine gerade abgefahrene Gruppe ein. Wir gaben unser Bestes die Wogen zu glätten, und Roland gab eine Runde Kaffee für uns aus. Wie immer taten mir die Leute leid die warten mussten um ihre Tankfüllung zu bezahlen, aber das ist halt der Preis für den Ladenschlussgesetz den wir alle zahlen müssen.

In Görlitz referierte ich Pflichtbewusst über das DZA und wies auf das jetzt gekennzeichnete Postamt hin. Auf der Stadtbrücke zu Zgorzelec fragte uns eine junge BGS-Beamtin ob wir einen Ultrarennen fahren; es folgte ein kurzer Plausch über die Geschichte und Freuden des Brevetsports. Vielleicht haben wir in der nächsten Saison eine neue Mitfahrerin 😁

Auf der polnischen Seite gingen die Hügel langsam los; am Himmel ein dünner Streifen Morgenröte mit kaum sichtbarer Mondsichel, herrlich! Ich unterhielt mich mit Michael, den wir irgendwo in der Lausitz eingesammelt hatten, über Schlafbedarf, und wie der Tiefpunkt meistens kurz vor Sonnenaufgang kommt. Anton Chekov lässt grüßen, denn in der Abfahrt nach Miłoszów lag sein Fahrrad neben der Straße, und er gute 20 m weiter, auf dem Gesicht, regungslos. Als ich anhielt fing er an zu stöhnen, war bei Bewusstsein, aber unter Schock und ohne Erinnerung an dem Unfall. Roland hat wohl noch gesehen wie er ohne ersichtlichen Anlass sich überschlug, aber außer Sekundenschlaf und anschließende Notbremsung fiel uns keine Erklärung ein. Markus holte eine Rettungsdecke raus und kümmerte sich um Michael, Roland rief die 112, und ich leistete moralische Unterstützung; einfach weiterfahren wäre nicht richtig gewesen. Die Dame in der Leitstelle war bemüht und konnte englisch, aber die Ortung war schwierig: die Straßen hatten keine Namen, und die Leitstelle keine Möglichkeit den Anruf zu orten. Wir gaben die GPS-Koordinaten von meinem Handy durch und hofften. Als nach über eine Stunde keiner da war rief Roland noch mal an und bekam eine die nichts von dem Auftrag wusste, aber versprach einen Rettungswagen zu schicken. In einer Viertelstunde war er dann da, aus dem nahen Leśna, und nach Erstuntersuchung Namen die Sanitäter Michael mitsamt Rad mit.

Mit 2 Stunden Verspätung brachen wir dann wieder auf, machten den Checkpoint an der Grenze, und fuhren nach Tschechien. Die Sonne kämpfte sich raus und schien auf das Iser Gebirge in der Ferne. Einige machten im schönen Hejnice eine Frühstückspause, aber ich fuhr Roland hinterher hoch zur Smědava-Baude; die Zeit drängte. Auf einem Schild fand ich noch ein Sticker vom letzten Preride; der vom ersten war wohl abgelöst.

Nach ein bisschen graveln an der Iser (ganz nett, fand ich, gab irgendwie alpines Flair) merkte ich, dass der Wahoo alle war und mein Wasser auch, dann aufladen und an einer kleinen Tanke Wasser und die erste Kofola holen. Jetzt ist Urlaub!

Mit der Abfahrt in die böhmische Ebene wurde es immer wärmer und der Verkehr dichter. Die Tschechen sind im Allgemeinen nett aber schenken sich im Verkehr nichts, wenn eine Handbreit vorhanden ist dann wird sie zum Überholen genutzt, in einer blinden Kurve mit durchgezogener Mittellinie am allerliebsten. Am Marktplatz Hostinné trafen wir wieder auf Ingolf, der das Eiscafé sehr empfiehl, aber ich war zu nichts in Stande außer die Kontrolle zu machen und mich 5 Minuten auf einer Bank in den Schatten zu legen. Dann weiter!

Der mit Kehren gespickte Aufstieg nach Adršpach hat mir komplett den Stecker gezogen. Er war weder lang (4 km) noch sonderlich steil (200 hm bei 10% maximal), aber ich war übernächtigt, entwässert, hungrig, fertig.

Am Bahnhof Adršpach nahmen wir die Rübezahl-Skulptur mit und bewunderten die schönen Sandsteinfelsen und Touristenmassen bevor es zur heißersehnten bemannten und befrauten Kontrolle am Campingplatz Bucnice. Es erwarteten uns Sascha und Bande mit Kartoffelsuppe, Radler, Campingstühle, Schatten, und allgemeine Aufmunterung. Ich aß zwei Teller Suppe, kroch in eine der bereitgestellten Hütten, und war erstmal 1,5 Stunden weg. Als ich danach raustorkelte empfahl mir Sascha einen Kaffee und eine Dusche. Markus war auch noch da und fragte ob ich jetzt losfahre. Ich sagte ich wollte erst schnell duschen, „Dusch langsam!“ rief er mir hinterher. Was soll ich sagen, es war herrlich! Ich drehte die Dusche auf kalt, wusch die Radsachen aus, und machte mich auch fein, alles in 5 Minuten Wasserzeit. In Unterhose trank ich dann meinen inzwischen abgekühlten Kaffee aus, zog die nassen aber sauberen Klamotten wieder an, und fuhr mit Markus in den nicht mehr so sengend heißen Nachmittag hinaus. In Dusznicki holten wir uns eine Pizza Magherita („da macht man selten was falsch“), und ich musste die Käse runter picken wie ein gewisses mir verwandtes Kind. Dann hoch in die ehemalige Grafschaft Glaatz, Herrgotts Ländchen, schön aber extrem dünn besiedelt. Der Anstieg hielt mich noch beschäftigt, aber in der langen Abfahrt machte sich der Schlafmangel bemerkbar: ich hielt Asphaltflicken für lebendige Tiere, schreckte immer wieder auf, hatte Mühe die Augen offen zu halten. Das Wildschweinrudel das uns grunzend im dunklen Wald kurz begleitete und der mit LEDs geschmückter UFO-Schrein am Straßenrand waren aber echt, wie Markus bestätigen konnte. Kurz vor 11 erreichten wir den Kontrollpunkt bei km 500 an der Wilden Adler, die Grenze zu Tschechien. Im Parkpavilion lagen schon 10 leise schnarchenden Randonneur:innen; ich rollte Matte und Schlafsack aus und gesellte mich dazu.

Um 1 wurde ich wach und merkte wie der erster wieder zusammenpackte. Nee, dachte ich, drehte mich um, und schlief weiter bis es hell wurde. Gerhard, ein alter Randonneurshase aus Berlin, war hier geboren und hatte die Kontrolle organisiert. Er bot mir einen Kaffee an den ich dankend annahm. Ich merkte, dass Markus auch noch da war, und so fuhren wir los in die morgendliche Klämme. Es rollte kurz sanft die Wilde Adler entlang, dann wieder hoch. Mir war sofort wieder warm, ich hielt an und streifte alles was ich eine halbe Stunde zuvor über gezogen hatte wieder ab: Armlinge, Beinlinge, Thermoshirt, Schal, Jacke. Die Sonne kam auf und beleuchtete Felder, Wälder, und kleine Skihänge, wunderbar!

Die Straße an der Morava runter nach Hanušovice war an mehreren Stellen aufgerissen und mit Baustellenampeln gesichert. Wo Bauarbeiter zugegen waren wurden wir trotz rot durchgewunken, pragmatisch eben. Bergab rollte es ganz gut; in der entgegengesetzten Richtung wäre es deutlich weniger schön gewesen. Oberhalb von Rehotice ging das Geschäft des Tages richtig los: 500 hm über 8 Kehren zum Skigebiet Červenohorské, wo es leider nichts zu frühstücken gab, also weiter zu dem nächsten Checkpoint am Dorfladen von Belá, wo wir feinste Aufbackhörnchen und Dosenkaffee genossen. Leider gab es keine Toilette, und ich schaute auf der Weiterfahrt schon nach einem Stück Wald wo ich meinen Ultraleichtspaten einsetzen konnte als ein Baustellenklo aufploppte, unverschlossen und erstaunlich sauber. Erleichtert ging es dann ans Hauptwerk des Tages, den Praděd, 1000 m über meinem Kopf und hinter zwei kleinere Pässe.

Der Aufstieg zog sich und zog sich. Der Himmel tat es ebenfalls (zu), und über die Chatgruppe schickte Benno ein Bild vom Weltuntergangsregen, zum Glück aus einer Schutzhütte fotografiert. Hoffentlich lokal dachten wir uns, aber keine 30 Minuten später erreichte es uns. Ich wartete das schlimmste unter einem Baum ab, führ aber dann im Niesel weiter. Am Parkplatz unter dem Gipfel (Anstieg ist für private Fahrzeuge gesperrt) waren wieder die Massen da, und wir schlängelten uns durch. Oben am Turm Kontrollfoto, dann weiter, denn umdrehen lohnt sich ab sofort nicht mehr!

Am Parkplatz zogen wir uns in einer kleinen, liebevoll abgeranzten Bude die Heilige drei Ks ein (káva, Kofola, knedlíky) und überlegten einen Plan. Eine feste Unterkunft für die Nacht wäre topp, aber wie weit kommen wir noch heute? Viel mehr als 250 Tageskilometer werden es nicht bei dem Höhenprofil. Wir entschieden uns bis zur nächsten Kontrolle (km 666) zu fahren und dann was zu suchen.

Die Abfahrt war ein Fest; schön schnell, aber nicht zu steil, und wenig Autoverkehr. In der Ebene herrschte eine Backofenhitze, wir waren von 14 Grad am Berg bei 34 angekommen. Bei der Kontrolle in Šumperk füllten wir Proviant auf und ich machte mich auf Unterkunftssuche. Es war nicht leicht, der industriell geprägte Adlertal schien touristisch wenig erschlossen zu sein, das ändert sich erst in Richtung des Cesky Ráj, viel zu weit. Zwischendurch kam Alex an und fragte was unser Plan wäre, aber da wir keins hatten fuhr er weiter. Dann fand ich doch eine Pension mit Check-in bis 23 Uhr bei km 745, kurz nach K10 in Ustí, perfekt. Jetzt nur noch dahin.

Nach Šumperk gingen die Haifischzähne los: alle 5 km ein Höhepunkt, jedes Mal nur 100-300 Höhenmeter, aber in der Summe wahnsinnig anstrengend. Irgendwie muss man vom March- ins Adlertal kommen, aber ich frage mich echt was die Gründer vom Dorf Cotkytle (zu dt. Zottküttl, über 300 hm bei 14% am Ende von Osten her erreichbar) sich dabei gedacht haben. Viel Besuch hatten sie sicherlich nicht.

Es setzte noch Regen ein, und wir wurden ordentlich feucht, aber der Gedanke an einem warmen Zimmer am Abend machte es erträglich. Das einzige richtige Problem war, das mein Handy Wasser in die Ladebuchse bekommen hatte und nicht laden wollte, was die Online-Anmeldung für die Pension erschweren würde. Irgendwo sammelten wir Alex wieder ein und beschlossen ihn wenn möglich mit aufs Zimmer zu nehmen; das Wetter wurde ja nicht besser. In Ustí machten wir die Kontrolle an einem sehr schönen aber komplett toten Marktplatz bevor wir zu einem Restaurant zurückkehrten wo noch Licht brannte. Die hatten um 20:45 schon längst Küchenschluss, aber der Lidl vor 1 km hatte noch 15 Minuten geöffnet. Schnell hin, mehr kaufen als man weder tragen noch essen kann, so viel wie geht dann an der Bordsteinkante essen, und los zu Pension im nirgendwo zwischen Brandýs und Choceň.

Der Radweg am Bahndamm war noch nass vom Regen und übersät mit Motten die aufschreckten und davonflogen als wir vorbeizogen; wir hätten keine Proteine zum Abendessen gebraucht. Es wurde immer dunkler und die Besiedlung immer lichter, die Pension kam und kam nicht, und ich begann zu zweifeln. Als ich die Hoffnung fast aufgegeben hatte tauchten dann Lichter um die nächste Flussbiegung auf, eingeklemmt zwischen Wehranlage und Bahndamm wie gedacht. Mit etwas Mühe konnte ich per SMS die Tür Code anfordern, und da genug Platz für eine Matte war gingen wir zu dritt auf das Doppelzimmer, duschten (schafften es alle 3 den Seifenspender runter zu werfen, hallo Nachbarn!) und gingen schlafen. Um 4 klingelte der Wecker (Abstimmung ermittelte 100% Ablehnung) und kurz vor 5 rollten wir wieder durch den Nieselregen.

Hinter Borohrádek (Heideburg) fuhren wir lange flach im Wald auf der Hohenbrücker Tafel (Brandenburg Vibes) bevor wir in Hradec Krávlové (Königgrätz) einfuhren. Es erinnerte mich stark an Karlsruhe mit seiner Mischung aus 17. Jahrhundert und 70er Jahre Tristesse, aber das beste war ein Bioladen hinter dem Marktplatz der um 6:45 schon geöffnet             hatte und Kaffee und Gebäck im Angebot hatte. Neben Zimtschnecke hatte ich auch eine Pitarolle gefüllt mit Spinat und Kartoffeln, lecker!

Heute ging es nicht mehr um Höhenmeter (dachten wir, ha, wir Deppen), sondern hauptsächlich flache Kilometer schrubben wenn wir die 1230 km bis 12:17 am nächsten Tag schaffen wollten. Der Regen verzog sich und es wurde ein heißer, sonniger Tag. Ich stülpte meine nassen Socken zum Trocknen über die Aerolenker, und alle 2 Stunden hielten wir an um Dosenkaffee, Kofola, und Wasser nachzufüllen. Es wurde touristisch im Cesky Ráj (böhmisches Paradies), Campingplätze zwischen Burgen und Sandsteinfelsen. Auch die Landmarken wurden bekannter, am Horizont war der Gipfelturm auf dem Jeschken zu sehen.

Der Weg durch den ehemaligen Truppenübungsplatz Ralsko war besonders schön. Gravel kann ich: über kleine Steine rollt man und größere springen weg. Wenn man das Ganze dann einfach mit Bitumen übergießt wird es aber eine ruppige Angelegenheit. Wir lachten, wir weinten, wir verloren Funktion in 15 Ulnarnerven. Das verspiegelte Haus war wohl Kunst; gerade las ich, dass es das Schulhaus war, welches als einziges Haus im Dorf nach der Räumung stehen blieb. Am Ende der Rüttelpiste wurden wir jedoch entlohnt durch die vom Preride bekannte Selbstbedienungsbierzapfanlage VPROSTORU in Hvězdov (mit Kartenzahlung, natürlich). Ein großartiges Land, wo es sowas gibt!

In Mimoň zogen wir uns Nudelteller beim Asiaten rein und machten einen Schlachtplan für die restliche Strecke. Durchfahren war nicht mehr drin, aber bis zum Autohof Klettwitz (km 1080) wäre machbar. Inzwischen waren wir 4 (Stefan war am Bierautomat dazugekommen), genug um den auffrischenden Nordwind zu trotzen.

Das mit dem Wind war doch nicht so relevant, denn zuerst war die böhmische Schweiz dran. Und zwar nicht schlängelnd durch die Täler, sondern quer über jeden Bergrücken der im Weg stand, 15% Steigung inklusive. Hätte man auch sehen können, wenn man genau hingeschaut hätte wie gerade sich der Track zieht, hatte aber keiner von uns. Deppigkeit oder Selbstschutz, beide Erklärungen funktionieren. Naja, hilft nichts, wir haben uns freiwillig dafür gemeldet und wollten es auch so, wie der Streckenplaner uns gesagt hat. Am Ende ließen wir so viel Zeit in diesen Bergen, dass es nicht mal mehr sicher war den Autohof vor Mitternacht zu erreichen, aber dafür hatte der Wind nachgelassen. Wir holten uns beim Lidl in Sebnitz (ganz oben, wo denn sonst?) was zu essen und setzten ein neues Zwischenziel: K14 beim Rewe in Pulsnitz vor Ladenschluss um 22 Uhr. Beim Versuch meinen Poké Bowl mit Stäbchen zu Essen merkte ich, dass ich nicht mehr richtig greifen konnte. Nicht gut. Alex lieh mir wieder sein Titanlöffel; sowas kommt nächstes Mal mit.

Nach Pulsnitz rollte es schneller als gedacht; wir erreichten die Kontrolle um 21:45 und waren damit zum ersten Mal seit 500 km wieder im Zeitlimit, wenn auch nur um 3 Minuten. Dort fanden wir Roland im Aufbruch und entschieden uns zu 5 weiter zu fahren um den Megges in Klettwitz vor Schluss um 24 Uhr zu erreichen. Bergab mit durchwechseln waren wir den Umständen entsprechend richtig schnell, fast 28 km/h (ich weiß, unser Schnitt interessiert kein Mensch, aber POMMES), und waren 11:20 am Bestellkiosk.

Nach Sättigung siedelten wir zur 24-Stunden-Tanke über. Roland wollte lieber gleich weiter, der Rest blieb beim Plan erst nach einem Nickerchen fort zu ziehen. Ich gönnte mir eine Dusche (5€ für warmes Wasser SO LANGE DU WILLST, geschenkt zum doppelten Preis), zog mir die am Vorabend ausgewaschenen Sachen wieder an, und legte mich mit Schlafmaske und Ohrstöpsel in die Kinderspielecke. „Das erste was ein Randonneur verliert ist seine Würde,“ hatte Roland vor nicht mal einer Stunde gesagt, wie wahr! Nach 1,5 Stunden Elektrobeats im Halbschlaf stand ich wieder auf, holte Cappuccino vom Tresen, und weckte die anderen.

Um 3 rollten wir, und die erste Stunde war wundervoll. Komplette Ruhe, Straßen und Wege nur für uns, selbst die Wildschweine schienen zu schlafen. Das liebe ich am Nachtfahren, es wäre toll, wenn nur die Sache mit dem Schlaf nicht wäre. In Calau trafen wir wieder auf dem Kollegen mit Knieschmerzen (Name leider nicht gemerkt), und ich gab wieder aus meinem Ibuprofen-Vorrat aus. Dadurch verpasste ich die Ampel (ja, die einzige der Region soweit ich weiß) und musste sputen um zur Gruppe wieder aufzuschließen.

In Zützen ging die Sonne auf, aber dann waren wir gleich auf der B96 (Straße der Herzen!). Es ist schon erstaunlich was 3 Tage Tschechien für das relative Sicherheitsempfinden tun kann: wenn ein LKW einen mit 1 m Abstand überholt dann sind das weniger als die von der StVO vorgeschriebenen 2 m, aber immerhin 10 Handbreiten, passt doch!

Wir wollten in Baruth beim Bäcker frühstücken, aber ich hatte übersehen, dass dieser nur ein Stand im Netto war und deshalb noch zu, also weiter zur freien Tanke, Bockwurstfrühstück. Da wären wir noch mal mit der Würde. Kurz nach uns rollten Thomas und Stephan R ein, frisch wie Morgentau. Ich hatte die schon längst im Ziel gewähnt, dabei hatten die einfach länger geschlafen und dafür schneller gefahren. Ein guter Tausch, wenn man es kann.

15 km später war schon die letzte Kontrolle vor Ziel, beim Rewe in Sperenberg. Irgendwie hatten wir im Kopf, dass dort kein Bäcker ist, war aber doch, und so versackten wir nochmal, lang genug um von Personal angepöbelt zu werden (Fahrrad ggü. vom Not/Raucherausgang abzustellen ist nicht ideal, kann man aber netter kommunizieren). Stefan entschied sich auf den Thomas-Stephan-Schnellzug aufzusteigen, und so waren wir wieder zu dritt.

Der östliche Fläming ist landschaftlich reizarm, und langsam wurde der aufgestaute Schlafmangel zum Problem. 12 Stunden sind halt sehr wenig für 4 Tage. In Jühnsdorf kurz vor der A10 war es soweit, ich fing an in Sekundenschlaf zu fallen. Ich informierte meine Mitfahrer, fuhr zum Rand, stellte mein Rad ab, und war eingeschlafen fast bevor ich am Boden war. Vielleicht waren es 5 Minuten, vielleicht 15, ich weiß nur dass der Wahoo sich vom Letzten Absturz noch nicht erholt hat. Ich dachte die anderen wären weitergefahren und versuchte unter diese Annahme sie wieder einzuholen. Später stellte sich heraus, dass sie auch pausiert hatten, nur an einer schöneren Stelle, hinter mir, und etwas länger. Naja, passiert halt.

Nach Nahkampf um und in Lichterfelde wurde die Strecke richtig schön, am Priesterweg über die erste glattgefräste Kopfsteinpflasterstraße Berlins und dann immer der Dresdner Bahn entlang bis Yorckstr. In der Bülowstr musste ich meinen inneren Pavian unterdrücken und der Frau auf dem Hollandrad nicht überholen; schön, dass sie auf dem Ding 28 fahren kann, ich kann’s gerade nicht! Im Amstel rollte ich mit mehr als einer Stunde Puffer ein und fand Michael gezeichnet aber gut gelaunt mit Stefan und Thomas im Hof sitzend. Kurz darauf rollten Alex und Markus ein, und dann auch noch Benno und Knieschmerz-Kollege. Mein Ziel den Ersten unter den Letzten zu sein hatte ich verfehlt, war aber dennoch glücklich. Nach Plausch bei Nixbier rollte ich wieder nach Hause, duschte, und fiel ins Bett. Ich wurde dann von A geweckt als sie von der Arbeit kam und sich beschwerte, dass das Schlafzimmer roch wie einer dieser fast leeren S-Bahn-Waggons zur Hauptberufsverkehrszeit. Recht hatte sie; ich hatte meine Radklamotten im Wäschekorb gelassen und die Fenster zu. Ups.

Alles in allem ein großes Abenteuer den ich nicht so schnell vergessen werde. Ein großes Dankeschön an Sascha für die Planung und Orga, ohne dem hätte ich sowas beklopptes nie gemacht!

Was haben wir gelernt?

– 1200 km sind weiter als man denkt.

– 11000 hm sind deutlich mehr als man denkt.

– Besser man denkt einfach nicht drüber nach.

– Ich habe die Zeitlimits des ACP immer für großzügig gehalten, aber mit Gebirge sind sie plötzlich sehr relevant. Wer nicht steigen kann muss auf Schlaf verzichten. Nur blöd, wenn man beides schlecht kann.

– 12 Stunden Schlaf reichen gerade so, mehr wären besser gewesen, weniger geht nicht.

– Wechselhose dabei zu haben war Gold wert. Meine Sitzfläche ist nicht unversehrt, aber im Rahmen.

– Alle Kontaktflächen leiden. Schlimmer als mein Po sind meine Hände; die Finger kribbeln und ich kann weder fest greifen noch mit 10 Fingern tippen. Ich hoffe das geht schnell weg.

– Die 1,2 kg Malto und der Trinkrucksack waren gut um die Umsatzdifferenz auszugleichen die ich durch meine ca 20 kg mehr habe. So musste ich nicht öfter anhalten als normal große Mitfahrer.

– Ein warmes, trockenes Zimmer ist bei Schietwetter nicht zu toppen.

– Täglich duschen ist MEGA.

– Mitfahrer sind gut um die Tiefs gegenseitig auszubügeln. Ich freue mich, dass ich auch diesmal passende finden konnte ☺️

Was nehme ich nächstes Mal zusätzlich mit?

– Einen Löffel. Praktisch auch um die hartnäckigen Mr. Brown Kaffeedosen zu öffnen.

– Moskitonetz. Wiegt nichts, nimmt wenig Platz weg, lässt aber in Feuchtgebieten besser schlafen.

– Backup-Ladekabel. Einen Handy-Ausfall kann man sich heutzutage nicht mehr leisten.

Was mache ich anders?

– Ein anderer Computer muss her. Der 1.-Generation-Wahoo ist für solche Strecken nicht gemacht. Er muss ständig nachgeladen werden, und bei Absturz oder sonstiges Ausschalten ist die Wiederherstellungszeit linear in der Streckenlänge. Logisch, aber gen Ende waren das ca. 20 Minuten, was nicht hinnehmbar ist.

– Sachen an die ich ran muss kommen in die Rahmentasche. Die Zahnbürste zB.

– Trail mix nehme ich nicht mehr mit. Es ist zwar lecker und reichhaltig, aber unpraktisch zu essen.

Und zu guter Letzt: würde ich es wieder machen? Vielleicht…

Alle Fotos von Jakob van Santen. Weitere Fotos von Jakob gibt es hier.