LE 1000 DU SUD 2021


Wieder zurück im herbstlichen Berlin und zum Glück noch einen Tag Urlaub, um in der Realität anzukommen und erste Notizen zu den vielen Fotos zu machen.

Angemeldet war ich ja eigentlich schon im letzten Jahr für dieses tolle Event. Aber coronabedingt ist daraus dann leider nichts geworden. Umso größer und langanhaltender war dann die Vorfreude und Aufregung vor der diesjährigen Ausgabe. Es gab nicht viele Tage, an denen ich nicht an Frankreich dachte. Die Erinnerungen an meine Teilnahme 2017 wurden immer mehr verklärt. Nur noch schöne Bergpanoramen, tolle Abfahrten und super Wetter…

Diesmal sollte es so weit nach Norden gehen, wie noch nie, und zwar zum Col de l’Iséran.

Nach viel hin und her bei der Planung, wann, wie und mit wem es nach Cotignac gehen sollte, fuhr ich letztendlich mit meiner Frau in unserem WoMo Richtung Süden. Freitag Mittag ging es los, nach einer Übernachtung in Bregenz am Bodensee dann am Sonnabend den Rest der 1500 km langen Strecke. Jetzt hat das Radfahren im Süden warscheinlich einen ökologischen Fußabdruck wie ein Mittelstreckenflug. Naja, nur für dieses Event so weit zu fahren, mache ich sicher nicht nochmal. Das nächste Mal wird wieder ein richtiger Urlaub daraus gemacht. Maut- und Spritkosten rechne ich mal lieber auch nicht zusammen. Mit der Bahn anzureisen ist inzwischen auch eine echte Alternative, wenn man erstmal weiß, was bei der Radmitnahme alles zu beachten ist.

Jedenfalls erreichten wir Sonnabend Abend das Camp Du Base über eine etwas abenteuerlich zu fahrende Zufahrtsstraße, sehr steil und kurvig. Sophie hat uns sofort begrüßt und im neu errichteten Basiscamp herumgeführt. Wir waren beeindruckt: ein kompletter Campingplatz, Gemeinschaftsküche mit allem Drum und Dran, Duschen, WCs, Gepäckaufbewahrung, Schlafzelt, Zelt- und WoMostellplätzen.

Rührend, mit wie viel Herzblut und Liebe zum Detail alles gestaltet ist. Überall Bilder und Erinnerungen an vergangene Brevets. Selbst in den Duschkabinen gibt es großformatige Radfahrbilder zu bewundern.

Am Montag um 20 Uhr ging die erste Gruppe an den Start. Vorher gab es zum Abendessen natürlich noch reichlich Nudeln. Wegen der Aufregung, nicht nur bei mir, musste ich mich sehr zwingen, auch reichlich zu essen. Bis 30 min vor dem Start war überall aufgeregtes Geschnatter zu hören, die üblichen Sprüche und Kommentare wurden alle noch gemacht. Einige Starter packten doch nochmal ihr Gepäck um, jemand suchte noch einen Schlauch, ein Anderer einen Schaltzug… Sophie, die Organisatorin des Ganzen, schwebte zwischen den Startern umher und beantwortete letzte Fragen. 

Zum 12. Mal findet nun „LE 1000 DU SUD“ nun schon statt, jedes Jahr auf einer neu von ihr und ihren Freunden der „Provence Randonneurs“ geplanten und getesteten Strecke. Was für ein Aufwand bei 1000km Streckenlänge! 

Dann wurde es langsam sehr still im Base Camp, die Anspannung vor dem Start war deutlich spürbar und übertrug sich auch auf die nicht Mitfahrenden und Zuschauer. Punkt 20 Uhr erklang die Glocke, und die Strecke wurde freigegeben. Etwa 40 Starter und eine Starterin setzten sich in Bewegung. Da die Ausfahrt aus dem Base Camp und der Weg Richtung Cotignac zu Beginn sehr steil und kurvig ist, habe ich mich ganz hinten im Feld eingereiht. 

Im letzten Tageslicht, schon mit Warnweste und Beleuchtung, ging es aus Cotignac hinaus über kleine Straßen und seichte Hügel, erst durch Salernes, wo Falk seine Unterkunft hatte, dann durch Tourtour. Im malerischen Zentrum habe ich das erste Mal Wasser an einem Brunnen nachgetankt, auch, um mal kurz zu verschnaufen und den Ort zu genießen. Irgendwo, vor, oder hinter dem Ort, standen Sophie und Bernhard am Straßenrand und fotografierten die Vorbeifahrenden.

Als die erste Aufregung verflogen war, stellte ich fest, dass mein Garmin nicht geladen wird, normalerweise wird der Akkustand immer mit 100% angezeigt, da er über Nabendynamo und USB-Werk permanent geladen wird. 80% hatte er noch, was meinen Adrenalinpegel doch wieder deutlich erhöhte. Ich bin extra eine Woche vor dem Start nur noch mit komplettem Gepäck und Navi-Lade-Technik etc. gefahren, um alles zu testen. Ich hatte zwar eine Powerbank mit, aber für die gesamte Tour würde die nicht ausreichen. 230V-Ladestecker und ein Ersatzkabel hatte ich zwar auch mit, aber was, wenn die Ladebuchse des Navis defekt ist? Navigation mit dem Papier-Roadbook und dem Handy, auf dem der Track natürlich auch gespeichert ist, würde deutlich mehr Konzentration und Zeit erfordern. Bei jeder Kreuzung Telefon rausholen und gucken, wo es langgeht… Den Anderen hinterher fahren ist nicht, ich fahre schon seit einiger Zeit im hinteren Teil des Teilnehmerfeldes. Auch weil ich ständig anhalte und an Navi, Kabel und Ladetechnik rumwackele. Irgendwann, als der Akku schon bedenklich leerer wurde, habe ich mir das unter einer Laterne genauer angeguckt und auf Verdacht das Kabel zwischen USB-Werk und Navi getauscht. Erleichtert habe ich kurze Zeit später festgestellt, dass das Ding jetzt lädt. Vor 2 Tagen war das Kabel noch in Ordnung!

Apropos Navi, irgendwie braucht es extrem lange, um das Bild und die Abbiegehinweise aufzubauen, war bisher auch anders. Deshalb bin ich irgendwo auch falsch abgebogen und ein steiles Schotterstück runtergerast, bis das Ding wild piepte, weil ich falsch war. Grad eben sollte ich doch aber hier abbiegen! Oberhalb fuhren jedenfalls die letzten Teilnehmer vorbei, während ich wieder hochschob.

Nach ca. 70km fahre ich auf die Dreier-Gruppe um Ralf auf. Dafür, dass sie eigentlich ganz in Ruhe fahren wollten, und eh nicht mit einer Ankunft im 100h-Zeitlimit rechneten, waren sie ganz schön zügig unterwegs. Oder ich habe eben viel Zeit mit dem Navi verbummelt. Das Vorderrad fühlt sich plötzlich sehr schwammig an, zack, Platten, tschüss Ralf! Dafür kommt Falk von hinten, wo habe ich den denn unbemerkt wieder überholt? Also Arschrakete komplett auspacken, Kopflampe auf, Rad umdrehen und Schlauch wechseln. Eine Ursache für das Loch habe ich auch nach genauer Untersuchung nicht gefunden, was mich auch nicht entspannter weiterfahren lässt. Es kam ein neuer Tubolito rein, der zum Glück bis zum Ende der Tour gehalten hat.

Irgendwann ist mein Puls und Adrenalinpegel aber dann doch endlich auf Normalpegel. Schade, dass wir durch Castellane und die Verdun-Gegend im Dunkeln fahren. Ich weiß, dass es hier sehr schön ist. Eva/ Takeshi aus Berlin, die Dienstagmorgen mit ca. 20 weiteren Teilnehmern startet, wird das hier im Hellen erleben. Diesen Gedanken habe ich an vielen Abschnitten der Strecke: Wie ist es hier wohl 12 Stunden später?

Inzwischen geht es leicht bergauf Richtung Col de Allos, es ist nachts um drei, und ich suche langsam was zum Schlafen. Aber es ist neblig feucht und kühl. Also sollte es was mit Dach sein, nicht so einfach. Gegen vier reicht mir dann ein überdachter Picknicktisch, auf dem ich bis halb sechs schlafe.

Dann geht’s noch im Dunkeln weiter aufwärts. Die Auffahrt zum Col de Allos (2247m, km160) finde ich eher mittelspektakulär, aber doch anstrengend.

Ich sehe zwei weitere Randonneure, einer schiebt ein Stück, auch zu Beginn der Tour keine schlechte Idee.

Oben gibt’s das Kontrollfoto und einen Riegel. Dann Regenjacke und Handschuhe anziehen und auf in die Abfahrt! Die gefällt mir deutlich besser, ich muss aber höllisch aufpassen bei der engen, kurvenreichen Straße.

Hinter der kniehohen Straßenbegrenzung geht es oft steil hinab in tiefe, spektakuläre Abgründe. Auf der anderen Straßenseite ragen steile Felswände auf. Ab und zu geht es über noch schmalere Brücken, deren Geländer auch eher symbolisch sind. Die ersten Rad-, Auto- und Motorradfahrer kommen mir entgegen, noch mehr aufpassen. Ich bin begeistert von der Kulisse und mache Fotopausen.

Unten im Tal in Barcelonette gab es dann kurz nach zehn endlich den ersehnten Kaffee mit reichlich Quiche und Pizza. Tatsächlich wollte die Bedienung, obwohl draußen, mein Impfzertifikat sehen. Bevor ich das begriffen hatte, hielt ich ihr erstmal immer mehr Bargeld hin. Erst ein anderer Mitfahrer klärte mich auf, was sie eigentlich sehen wollte.

Nach ein paar Kilometern weiterer entspannter Abfahrt ging es rechts weg auf die „Piste de la Sylve“ (1677m, km200), einen grob geschotterten Waldweg, auf dem es wieder ca. 400hm aufwärts ging. Einige Schotterabschnitte gehören offensichtlich immer dazu beim 1000 Du Sud. Zum Glück komme ich hier im Hellen durch! Viele haben das schiebend hinter sich gebracht. Aber beim Schieben haben die vielen Fliegen und Bremsen zu sehr genervt. Auch am Kontrollschild wollte ich wegen der Viecher nicht lange verweilen und bin den Schotter gleich wieder runtergeschliddert.

Dann ging es relativ seicht weiter hoch Richtung Cole della Maddalena auf 1997 Metern Höhe. Ab hier verläuft der Track erstmal durch Italien und es geht für ca. 90km tendenziell bergab. Die Abfahrt war ein Genuss, lange, nicht allzu steile Geraden, sanfte Kurven und beeindruckende Serpentinen. 

In Vinadio (km233) gab es eine sehr leckere echt italienische Pizza zum Mittag. Ein Glück, dass man sich überall mit Gesten verständlich machen kann, ich kann nämlich leider kein Wort italienisch oder französisch.

Weiter ging es bergab Richtung italienischer Ebene. Irgendwo hier habe ich Falk wiedergetroffen, und es ging gemeinsam weiter. In der Ebene geht das, am Berg ist der Geschwindigkeitsunterschied zu groß, so dass man lieber alleine fährt. Falk erzählt von komischen Geräuschen von seinen Ritzeln. Wir stellen fest, dass sie etwas locker sind. Das schien Falk nicht allzu sehr zu beunruhigen, aber irgendwann haben wir dann doch nachgeguckt. Ohne Werkzeug ging da aber nichts fester zu ziehen, also musste es so weiter gehen. Viele Apfelbaumplantagen und Felder, die Orte waren nicht ganz so malerisch wie auf französischer Seite.

Falk hatte noch nichts gegessen und gegen ein oder zwei Cola hatte ich auch nichts. Leider war die Pizza, die wir in Venasca gefunden haben, bei weitem nicht so lecker wie die vorherige. Eher so tiefkühlmäßig. Aber Falk hatte Hunger, und die Cola taten mir auch gut.

Jetzt waren wir am Ende des flachen Abschnitts in Italien angelangt, und es ging wieder aufwärts zur nächsten Kontrolle „Madonna delle Grazie“.

Dort trennte ich mich wieder von Falk und fuhr alleine in den frühen Abend. Nach 23 Stunden schon 310km geschafft, das motivierte uns etwas. Meine Rechnung war ja, in 24h jeweils 250km fahren, dann wäre man in 96h im Ziel. Das sah also sehr gut aus. Ich dachte schon über eine Nacht in einem Hotel nach, auch um endlich mal zu duschen. Wenn man schon selbst merkt, dass man riecht, muss es wohl schlimm sein. Aber ich hatte mir das Höhenprofil der Strecke wohl nicht intensiv genug angeguckt. Die „harten Brocken“ sollten erst noch kommen…

Mont Cenis, kurz vor dem Gipfel

Jedenfalls ging es schon einige Zeit auf einer größeren aber leeren Straße wieder leicht bergauf und ich suchte, bereits wieder im Dunkeln, was zum Schlafen. Es sollte was Überdachtes sein, da ich Angst hatte, dass durch die nächtliche Feuchtigkeit mein neuer Daunenschlafsack nass wird. Diese Straße war aber wie verhext. Spielplätze waren durch die Jugend beschlagnahmt, alles war abgezäunt, selbst die paar Bushäuschen hatten Bügel über den Bänken, die offensichtlich ein Drauflegen verhindern sollten. Irgendwann kam ein verlassener Imbiss mit Holzveranda, den ich dann trotz harten Steinfußbodens nutzte. Wegen des komfortablen Zeitvorsprungs stellte ich den Timer des Handys auf 5 Stunden. Alle viertel Stunde musste ich meine Lage ändern, bequem war das nicht.

Wenigstens konnte ich mich hier im Laternenlicht mit meinen Einmalwaschlappen mal einer gründlichen Reinigung unterziehen. Kalt war es hier zum Glück auch nicht. Gegen fünf Uhr morgens ging es weiter.

Am Fuße des Pra Catinat (1780m), der nächsten Kontrolle, traf ich dann auch wieder auf Falk, der sich nicht ganz so viel Schlaf gegönnt hatte. Mehr oder weniger gemeinsam kämpften wir uns den Berg hinauf, Falk wollte ab und zu mal schieben. Bei einer Verschnaufpause, kurz vor der Kontrolle, bestaunte ich kurz die Festung „Forte delle Valli“, bis Falk wieder vorbeikam.

Endlich war „Pra Catinat“ erreicht, hier verewigte ich die BB-Randonneure mit unserem wunderschönen Aufkleber.

Jetzt begann der zweite von drei Schotterabschnitten. Aber bis zum „Colle delle Finestre“ waren es ja nur 17km und 400hm, also 8 Müggelberge 😊. Ein Müggelberg war unterwegs meine Maßeinheit für die Höhenmeter, da ich zur Vorbereitung meine Höhenmeter aus Mangel an Alternativen wieder am Berliner Müggelberg mit sagenhaften 50m Höhendifferenz abgerissen habe. Hintereinander zwanzig Mal da hoch ergibt auch 1000hm. Mit dieser Übung habe ich 2017 den MDS halbwegs erfolgreich absolviert, dann muss es dieses Jahr auch auf diese Weise klappen!

Der Schotterweg ließ sich besser als der erste fahren, aber Gravelfan werde ich wohl nicht.

Falk verspreche ich, trotz des beschwerlichen Weges, oben eine fantastische Aussicht, 2017, als die Tour vom Asiettapass direkt auf den „Finestre“ führte, war ich von dieser Gegend schwer beeindruckt.

leider grau

So richtig mediterran ist das Wetter momentan noch nicht, die Wolken sind ganz schön feucht und mit acht Grad ist es auch eher frisch morgens um sieben.

Die Kuh hat mir zum Glück freiwillig Platz gemacht.

Auch hier wurden die BB-Randonneure verewigt, kleines Suchbild 🙂

Der „Finestre“, 2017 im strahlenden Sonnenschein, heute umhüllt von Wolken. Ich glaube Falk war nicht ganz so angetan von der heutigen Aussicht. Als er dann noch bemerkte, dass die Abfahrt auch wieder „Gravel“ ist, sah sein Gesicht etwas grau aus. Aber vielleicht hat das getäuscht.

Aber spektakulär (und legendär) ist er schon, der Pass!

Nach 17km ist der Schotterteil der Abfahrt endlich vorbei, der Rest geht über kurze, asphaltierte Serpentinen runter nach Susa, wo ich mich mit Falk auf Frühstück und Kaffee freue.

In Susa gab es dann nur ein Café, ohne was zu essen, aber zum Glück nebenan einen Supermarkt. Es gab zum Frühstück Käse- und Schinkenaufschnitt mit Olivenpaste und Cracker. Was für eine Wohltat nach all dem süßen Zeug in den vergangenen Stunden!

Und schon geht es wieder aufwärts zum Mont Cenis, 1600hm am Stück! Aber immerhin mit halbwegs erträglichen sechs bis acht Prozent. Aber trotzdem ein Vier-Stunden-Programm mit einigen Verschnaufpausen.

Auf der anderen Seite des Berges ist es nicht mehr so windig und kühl, es gibt den restlichen Aufschnitt und Cracker in der Sonne. Jetzt wird es richtig warm und ich muss schon wieder anhalten und mir endlich Unterhemden, Regenjacke und Beinlinge runterreißen Nun braucht man doch noch Sonnencreme. Besser als nasse, kalte Wolken.

Als nächstes komme ich am „Col de la Madeleine“ vorbei und bin verwirrt: War ich da nicht schon, ist das nicht eine Kontrolle? Ich mache vorsichtshalber ein Foto und klebe meinen Aufkleber. Aber mein Track, der immer von Kontrolle zu Kontrolle geht, ist hier nicht zu Ende. Was ist hier falsch? Sophie erzählt aber später, wir sind sogar an drei „Madellaines“ vorbeigekommen.

Hier verfahre ich mich mal wieder kurz, weil ich dem Schild zum „Col de I´Iseran“ folge und nicht dem Track. Es fährt sich gut, und ich kann die Fahrt und die Landschaft genießen.

Falk plündert in einem kleinen Ort vor dem „Col de I´Iseran“ noch in einem Sportgeschäft alle Vorräte an kohlenhydratreichen Riegeln und Gummibärchen, und ich kaufe Cola und stehe ewig an der Kasse, weil der Kassierer mit jedem Kunden noch über Gott und die Welt plaudert. So ist das hier eben.

Wir kommen an dem urtümlichen Ort „Bonneval-sur-Arc“ vorbei und können schon den spektakulären Anstieg zum „Col de I´Iseran“ ehrfürchtig bestaunen, der sich an einer steilen Felswand emporwindet.

Mal zieht es sich ewig bis zum nächsten Kilometerstein, mal kommen sie relativ schnell nacheinander, immer spannend, mit wieviel Prozenten der nächste Kilometer angekündigt wird. Es wird früher Abend, und es ist schon im Anstieg sehr frisch.

Auch letzten Schnee gibt es hier oben noch.

Punkt 20:00 Uhr bin ich oben, fertig und zufrieden, Halbzeit, 500km, 10.000hm und 48h. Bei nur vier Grad schnell die warmen Sachen anziehen, Nachricht an die Basisstation und ab nach unten. Leider wird es schnell dunkel, und ich habe keinen Grund mehr, für Fotos anzuhalten. Die Abfahrt ist schnell und kalt.

Blick vom Iseran auf Val d’Isere, wo Falk und ich zum Abendessen in einem Restaurant mit Kaffee, Tee und Nudeln Bergfest „feiern“ und uns aufwärmen. Wir wollen in losem Kontakt bleiben und auf dem weiteren Weg nach unten jeder für sich was zum Schlafen suchen. Ich fahre noch bis km552 immer leicht bergab durch viele Tunnel und schlafe dann unter einer Piknickbank für ca. vier, fünf Stunden.

Falk schreibt, er hat sich kurz nach dem Restaurant gleich hingelegt, konnte aber nicht schlafen, ist weiter und stand vor einem wegen Bauarbeiten gesperrten Tunnel. Um sechs würde der wieder geöffnet. Was für eine Scheiße! Um drei hat man ihn dann doch schon durchgelassen, aber erholsam war seine Nacht bestimmt nicht!

Nach der Schlafpause geht es langsam wieder aufwärts Richtung „Cormet d’Areches“, der 8. Kontrolle.

Ein weiterer Randonneur fährt auf mich auf (tut mir leid, Namen vergessen) oder ich auf ihn. Wir fahren ein Stück gemeinsam. Ein bisschen Unterhaltung am Morgen ist ganz nett. Einige Kilometer vor der Passhöhe folgt das letzte Schotterstück. Steil, schwer zu fahren und anstrengend. 

Hier oben ist es am frühen Morgen sehr einsam und still.

Auf der Passhöhe fragt mich der Mitfahrer, ob ich ein WC gesehen hätte. Das fand ich etwas lustig. Ich fahr mal weiter.

Weiter den Schotterweg lang komme ich an einer Hütte vorbei, vor der 4 Damen ihre morgendlichen Yogaübungen machten. Sie haben sich nicht ablenken lassen. Auch sehr skurril.

Unten gabs zum Frühstück wieder Kaffee, Pizza und Quiche, immer noch lecker. Auf dem Weg zum „Col des Cyclotouristes“ musste ich dann auch meine Morgentoilette erledigen und ließ meinen Mitfahrer weiterfahren. Das ist das Schöne an diesen Veranstaltungen, man kann ein Stück gemeinsam fahren, über die fiesen Berge schimpfen, aber dann trennt man sich einfach wieder, ohne dass man es sich übelnimmt. Die ganze Tour über muss ich nicht unbedingt Gesellschaft haben. Aber ohne diese Begegnungen wäre es auf jeden Fall schwerer und einsamer.

Der Weg hoch zum „Col des Cyclotouristes“ geht erst vorbei an Wiesen und Höfen, dann durch den Wald bis hoch auf 1312m. Höher als der Brocken, sieht aber aus wie ein kleiner Hügel im Wald ohne Aussicht. Oben fülle ich Wasser nach, rühre neue Iso-Plörre an, drücke Riegel in mich rein. Ich will schon ein Tütchen Isopulver für Falk deponieren, da ihm das Zeug auszugehen droht. Ich habe Inventur gemacht, für jeden noch kommenden Berg ein Tütchen, bleiben noch drei übrig, da geb ich’s gerne 😉

Aber da kommt Falk auch schon um die letzte Kurve. Ich bin schwer beeindruckt, wie er wieder aufgeholt hat, nach seiner verkorksten Nacht. Gegessen hat er noch nichts Richtiges, geschlafen fast nicht, hoffentlich rächt sich das nicht demnächst.

Wir fahren wieder ein Stück gemeinsam, bergab und das flache Stück bis zum Anstieg zum „Col de la Madeleine“ (schon wieder Madeleine…). Wir suchen was zu essen, Falk für ein spätes Frühstück, ich für ein frühes Mittagessen. Aber natürlich ist wiedermal Mittagszeit und alle Läden und Restaurants sind zu. Also wieder Riegel. Am Fuße des „Col de la Madeleine“ haben wir inzwischen eine gute Stunde Zeitrückstand, das heißt 645 Kilometer in 66 Stunden. 

Ein Schild verspricht einen 22km langen Anstieg bis hoch zur Madeleine. Da werden wir sicher die nächsten Stunden keine Zeit gut machen. Die Steigung, um die 1500hm zu überwinden, war aber mit meist ca. 6% halbwegs erträglich. Ich muss trotzdem mehrere Pausen machen und Gel schlabbern.

Nachdem die Baumgrenze erreicht ist, wird es schon ziemlich kühl, ca. 3km vor dem Pass beginnt es zu regnen. Das heißt, Durchtreten bis oben, da ich sonst bei einer Pause sofort ausgekühlt wäre.

16:45 Uhr ist es endlich geschafft, und ich bin fix und fertig. Ich suche einen trockenen Platz, um mir warme Sachen unterzuziehen, finde aber nur einen kleinen Sonnenschirm, unter dem sich schon vier Wanderinnen gegen den Regen verschanzt haben. Sie rücken zusammen, um mir Platz zu machen, und bekommen dafür das grandiose Spektakel meiner Umziehaktion geboten. War sicher für alle eine Bereicherung. Im Regen auf nasser Straße ging es runter in den komplett geschlossenen Wintersportort Longchamp 1650 und dann weiter nach La Chambre. Hier war es zum Glück wärmer und fast trocken. Im Lebensmittelladen gab es dann endlich mal wieder was salziges zu essen für mich, wieder Schinken, Käse, Frischkäse auf Cracker. Und Nüsse und Schokolade. 

Und auch hier wieder: Als ich wieder alles gepackt hatte und weiterwollte, kam Falk den Berg runtergerauscht. Er sah aber auch nach Pause aus, und ich bin alleine los. Das war die letzte Begegnung mit ihm auf der Tour.

Der Zeitrückstand war jetzt schon auf ca. 4 Stunden angewachsen. Das hieß, der nächste Pass, der „Col du Glandon“ musste auch noch in Angriff genommen werden. Aber was auch sonst, es war 19:00 Uhr? Das war aber der Punkt, an dem ich mich ganz kurz, ganz leicht gefragt habe, was das hier eigentlich soll. Im Nassen und Dunkeln, müde und kraftlos 1400hm hochquälen, ohne was von der Landschaft zu sehen. 

die Kühe sind auch nass…

Um kurz vor 22:00 Uhr, mit mehreren kurzen Pausen, ist es endlich geschafft, wieder im Nieselregen die warmen Klamotten anziehen und schnell weiter. Durch den Regen hat der Garmin gegen meinen Willen eine Displaysperre eingeschaltet, so dass ich keinen neuen Track laden konnte. Nach Abhilfe googeln ging mangels Netzes auch nicht. Nach einigen panischen Minuten und Trockenrubbeln des Gerätes durfte ich es gnädigerweise wieder bedienen. Es war dunkel, nass, kalt und schnell auf der Abfahrt. Schade, es war sicher schön dort.

Riesige Kraftwerksbauten muteten im Dunkeln sehr skurril an. In Allemond, unterhalb des Stausees „Lac du Verney“ wollte ich endlich was zum Schlafen finden, war aber wieder nicht so einfach, entweder waren die Bushäuschen zu hell beleuchtet, nicht vorhanden oder besetzt. Etwas mit Dach und Bank sollte es aber schon sein, es war alles sehr feucht vom Regen. So bin ich dann etwas lustlos immer weitergefahren, bis ein Schild schon den nächsten Berg/ Anstieg ankündigte, den „Col d’Ornon“. Na dann den eben auch noch. Klaus’ Wünsche über WhatsApp haben mir hier über schwere Minuten geholfen. Mit seiner MDS-Erfahrung hat er mir hier schon vorausgesagt, dass ich es trotzdem noch in der Zeit schaffen werde. Naja, noch hatte ich 2 Stunden Rückstand.

Ich machte mehrmals, über das Rad gebeugt, Pause, lief mal ein paar hundert Meter zu Fuß und machte in einem Bushäuschen für 10 Minuten die Augen zu, es ging echt nichts mehr.

Ein Stück vor dem Gipfel war Bassgewummer zu hören, kurz danach war bunt illuminierte Kunst am Wegesrand zu sehen, sehr skurril an diesem Ort, zu dieser Zeit. War wohl ein Festival, leider auch kein geeigneter Ort zum Schlafen

Bei km767, gegen 2 Uhr habe ich dann endlich in Le Perier ein Dach neben einer Kirche gefunden. Zwar wieder Betonboden, aber weiter ging es nun wirklich nicht mehr. Wegen des Zeitrückstands gönnte ich mir nur 2 Stunden, so bequem war es ja auch nicht. Die Kirchenglocke hat mich zweimal daran erinnert, mal die Liegeposition zu wechseln.

Zum Frühstück gab es die Schokolade, Nüsse und die restlichen Käsescheiben. Etwas besser gelaunt ging es weiter, schließlich war das jetzt der letzte Tag, am Abend wollte ich im Ziel sein, noch 230km zu fahren. Im Flachen kein Problem, aber hier konnte ich immer noch nicht so richtig einschätzen, ob das reicht, 4000hm mussten auch noch bewältigt werden.

…nochmal Kette ölen und gucken…
schon wieder Iso…
ab hier geht´ s (fast) nur noch bergab

Zur vorletzten Kontrolle ging es nicht mehr ganz so hoch und steil, aber trotzdem ist das eine traumhafte Kulisse. Ich konnte hier den Weg wieder sehr genießen.

Vor dem letzten Kontrollpunkt wäre ich fast den falschen Berg hochgefahren, wenn nicht ein freundlicher Mitfahrer hinter mit her gerast gekommen wäre und mich wieder auf den rechten Weg gebracht hätte. So waren es nur 50 hm extra.

Nach dieser letzten Kontrolle kam dann wieder Erwarten doch noch ein nerviger Berg mit viel Verkehr, auf dem mich der schnelle Björn (Lenhard) grüßend überholte und am Horizont verschwand. Er ist 11 Stunden nach mir gestartet!

80km vor dem Ziel wechseln sich Sonne und Wolken ab, die Straßen sind noch nass. Aber es ist warm und es gibt einen Regenbogen und schönes Licht. Zum Durchfahren wird es mir dann aber doch zu lang und ich mache in Riez die letzte Pause vor einem Supermarkt mit Fertigsandwiches, Joghurtdrink und Schinkenaufschnitt. Die Basisstation fragt schon ungeduldig…

19:30 Uhr, völlig geschafft aber glücklich bin ich zurück. Was für eine Tour!

95,5 Stunden, 1000km, 20.000 Höhenmeter. Ich bin glücklich zu Ende gefahren, gesund angekommen und im Zeitlimit! Da hatte ich zwischendurch doch meine Zweifel.

Im Ziel wurde jeder Ankömmling mit Applaus begrüßt, Björn führ gerade wieder los in den Ort, was Essen, hat wohl lange genug gesessen.

Ein Mitfahrer, der kurz vor mir ankam, fing gleich an, Pizza zu backen, ein Anderer reparierte irgendwas an seinem Auto, ich saß einfach nur da und hab beim wohlverdienten Bier dabei zugesehen, wie mein Kreislauf rapide in den Keller ging.

Zwei Mitfahrer bekamen sogar eine Medaille überreicht für die zehnte Teilnahme, wenn das kein Ansporn ist!

Froh und erleichtert war ich, als später auch Falk wohlbehalten angekommen ist, durchgefahren! Glückwunsch! Ebenso an Eva, die am nächsten Mittag ankam! (Sie ist zwölf Stunden nach Falk und mir gestartet).

Nach meinen Beobachtungen gab es drei Gruppen von Mitfahrern: die Transcontinental-Fahrer, die mit dem Rad mehrere hundert Kilometer anreisen, und sich dann ärgern, dass sie eine halbe Stunde länger brauchten als beim letzten Mal (und dann Pizza backen). Dann gab es Leute wie Ralf, die von Anfang an wissen, dass 100 Stunden nicht zu schaffen sind, Spaß auf der Strecke haben und auch mal eine Etappe mit der Bahn fahren. Beneidenswerte, entspannte Einstellung! Und dann gibt es die restlichen Berliner/innen (und mich), die ein ganzes Jahr aufgeregt sind, immer zweifeln, ob sie genug geübt haben, keine Ahnung haben, wie das alles enden wird, für die das das allergrößte Event ist, wo danach sicher nicht mehr viel kommt. Aber zurück im Camp Du Base waren offensichtlich alle zufrieden, euphorisiert und glücklich.

Mit wieviel Liebe hier alles gestaltet wurde, sieht man auch an den toll gestalteten Piktogrammen für die verschiedenen Örtlichkeiten. Diese Hingabe von Sophie, Bernhard (und ihren Helfern?) hat mich jedenfalls über weite Strecken der 1000km getragen. Den Satz, den ich irgendwo gelesen habe: „PBP fährt man wegen dem Event, 1000DuSud wegen der Strecke“ kann ich so jedenfalls nicht stehen lassen! Das Drumherum ist einmalig! Vielen Dank dafür!

Die Oldtimer werden natürlich auch wieder in Szene gesetzt. Mittendrin (rechts oben) das Damenrad mit Blümchen, mit dem Sophie im Sommerkleid PBP gefahren ist.

Quelle rechts unten: https://www.distancerider.net/photos/PBP2011/PBP2011Photos/P8200137SC.JPG

Fazit:

Falls es nicht so rübergekommen ist, es war eine tolle Veranstaltung, mit vielen endorphingeschwängerten Momenten, aber auch mit einigen düsteren Stunden, vor allem Nachts an den Bergen. Es lohnt sich auf jeden Fall, hier mal mitzufahren. Ich bin der Beweis dafür, dass auch wir Flachland-Randonneure das schaffen können.

Je mehr man vorher übt, umso mehr kann man sicher die Tour auch genießen. Aber mehrere zehntausend Kilometer muss man vorher auch nicht unbedingt fahren. Etwas Selbstvertrauen, zu wissen, dass es eben doch immer weitergeht, ist sicher nicht schlecht. Auch wenn es manchmal nicht so ausssieht, nach einer halben bis Stunde geht wieder was.

Die Versorgung war, auch durch die ausgedehnten Mittagspausen der Läden und Restaurants nicht immer ganz einfach, man sollte alles mitnehmen, was kommt, oder auch mal den Track verlassen zur Nahrungssuche. Ein kleiner Rucksack, um Proviant kurzfristig zu transportieren, ist günstig. Ich war froh, ca. 12 bis 14 Iso-Pulver-Päckchen mitgehabt zu haben, sind zwar irgendwann überhaupt nicht mehr lecker, aber besser als überhaupt keine Energiereserven am einsamen Berg zu haben.

Übersetzung hatte ich vorn 30, hinten 32. 2017 hatte ich vorn 34, hinten 32, ging auch. Egal, wie groß das größte Ritzel ist, irgendwann ist es immer zu klein… Das Rad mit Gepäck, außer Trinkflaschen, wog 16,8kg, Reifen hatte ich 28er GP4Seasons. Felgenbremsen haben mir eigentlich immer ausgereicht. Ich war 800g schwerer als 2017, da gibt es also bis zum nächsten Mal noch Optimierungspotential.

https://sites.google.com/site/le1000dusud/presentation/einfuehrung

Ein Bericht von Eva in drei Teilen

Saschas Packliste von 2021