PBP- Ein Bericht von Raul

Mein Paris-Brest-Paris: ein Erlebnisbericht
oder Tag und Nacht Tour de France Atmosphäre

Frohen Mutes startete ich an einem Sonntagnachmittag im August im ersten Block. Unser Zeitlimit betrug 80 Stunden aber daran denkt niemand, wenn er nach dem Start durch ein applaudierendes Menschenspalier fährt. Es ging in einem Tempo los, als wenn es keinen nächsten und übernächsten Tag zu fahren gilt. Am Anfang war ich vor allem damit beschäftigt sturzfrei im Peloton mit zu rollen. Als wir mit mehr als 40 km/h, begleitet von einer Motorradeskorte, die energisch alle Autofahrer aus dem Weg wies, durch den französischen Norden brausten, kamen erste Euphorieschübe auf. Ich dachte bei mir: schneller fahren heißt kürzer leiden, und versuchte es zu geniessen.


Der besondere Geist von PBP sind für mich nicht nur die Teilnehmer aus aller Welt, sind nicht nur die vielen freiwilligen Helfer, die sich Tag und Nacht um die Radfahrer kümmern, es sind vor allem die Zuschauer, die genauso mitfiebern und anfeuern, wie man es aus den Medien kennt, wenn die Tour de France unterwegs ist. Sie stehen am Straßenrand, erheben sich in den Cafés und Restaurants von ihren Plätzen, sie parken mit ihren Caravans neben der Straße, sitzen auf Campingstühlen, Kinder reichen Wasserflaschen, in den Vorgärten stehen Tische mit Crepes und Rotwein für uns bereit und jeder vorbei kommende Radfahrer wird beklatscht und aufgemuntert. Immer wieder höre ich „Allez, Allez“ oder „bon courage“-Rufe. Ganze Dörfer sind geschmückt mit Daumen-Hoch-Schildern und Transparenten. Auch habe ich Fahrräder mit Weihnachtsbaumbeleuchtung gesehen, die in den Bäumen hingen.

Die Begeisterung entlang des Weges trug mich durch die erste Nacht und schließlich bis zum Atlantik, der schon von weitem an dem immer stärker werdenden Gegenwind zu spüren war. Endlich Brest. Endlich am Wendepunkt. Leider drehte der Wind auf dem Weg zurück von West über Nord auf Nordost, so dass der herbei gesehnte Rückenwind eine Fata Morgana blieb. Ich tröste mich damit, dass es wenigstens nicht regnete.


Die zweite Nacht war dennoch feucht und kalt. Bei jedem Atemzug hatte ich das Gefühl, als tränke ich ein Glas Wasser. Eigentlich hatte mein Fahrplan vorgesehen, die zweite Nacht zu schlafen und Kraft zu tanken. Ein erfahrener Randonneur, der das vierte Mal bei PBP unterwegs war, riet mir davon ab. Die Schlafsäle an den Kontrollstellen wären restlos überfüllt, um diese Zeit Schlaf dort schwerlich zu finden. Also dachte ich mir: probierste es eben mal. Und siehe da, es ging besser als erwartet mit dem Wachbleiben in der zweiten Nacht und dem endlosen Treten, Treten, Treten.

Es ging auch deshalb so gut, weil mir, der ich bereits auf dem Rückweg war, immer noch Radler entgegen kamen. Mit ihren hellen, leider oft viel zu grellen, LED-Leuchten illuminierten sie die Nacht. Eine schier endlose Glühwürmchenprozession auf den Straßen der Bretagne.

Aber vor allem kam ich mit dem Schlafentzug besser zu Recht als erwartet, weil ich Alain traf. Alain war ein sympathischer Bretone, der gleichmäßig wie ein Uhrwerk die Strecke abspulte. Alain erzählte mir von seiner Heimat, seinem Dorf, seiner Familie, seinen Trainingsstrecken. Alain konnte zwar nur französisch sprechen und mein Französisch scheitert schon beim Bestellen im Bistro grandios, aber wenn man total erschöpft und völlig übermüdet durch die Nacht radelt, dann glaubt man alles zu verstehen und jede Sprache perfekt sprechen zu können. Das ist das Schöne an der Tortur: ab einer bestimmten Dauer und Distanz ist man wie im schönsten Rausch unterwegs.

Leider verlor ich nach ca.1000km Alain an einer der Kontrollstellen aus den Augen und der Rausch war dahin. Dafür traf ich Stephan, einen Berliner-Randonneur, mit dem ich schon einige Brevets gefahren war. Gemeinsam nahmen wir die letzten 200km in Angriff. Gemeinsam klagten wir uns unser Leid: Knie, die zu uns sagten: „Steigt ab und zwar sofort!“, schmerzende Handgelenke, brennende Muskulatur, verschorftes Sitzfleisch. Gemeinsam kämpften wir uns aus jedem Tief mit Liedzitaten wieder heraus. „Die Folter endet nie, wir werden dennoch siegen.“, „Höllenfahrt am Nachmittag. Ich höre was der Ostwind sagt.“ und „Non, je ne regrette rien …“ waren unsere Favoriten.

Gegen Ende unserer Strecke sahen wir in der Ferne zwei Radler vor uns. Ich rief Stephan zu: „Und jetzt den belgischen Kreisel!“ Und wir stürmten los wie junge Hunde, die von der Leine gelassen werden, hatten plötzlich wieder Kraft und Frische wie am Start. Schnell waren wir an die beiden heran gesprintet. 2 Deutsche aus dem ersten Block, mit denen wir anfangs unterwegs gewesen waren. Gemeinsam erreichten wir das Ziel. Wir fielen uns in die Arme, bekamen erst ein eau-de-vie gereicht und dann die Medaille umgehängt. In unserem Kopf nur noch ein einziger Gedanke: Essenduschenschlafen.

Zwei Tage später. Langsam realisiere ich, dass ich es geschafft habe. Dass ich die Strecke viel schneller als gedacht, als geplant, als erträumt gefahren bin, in 52 Stunden. Tiefe Zufriedenheit, pure Freude, in den nächsten Wochen bin ich restlos voll davon. Plötzlich beschließe ich, dass PBP für mich nicht in Rambouillet, dem offiziellen Start und Ziel am westlichen Rand des Großraumes Paris, enden darf. Wenn schon Tag und Nacht Tour de France Atmosphäre entlang des Weges, dann auch Tour de France Finale auf dem Champs-Elysées. Noch einmal aufs Rennrad. Endgültig am Ziel. Arc de Triomphe!

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