Ein Bericht: „Aufi muss i“ als Jahreshöhepunkt 2020

Dieses Jahr war ja ein besonderes Brevet-Jahr, keine offiziellen Termine. Nur 1000 Du Sud stand fest und schien auch zu keiner Zeit in Gefahr zu sein. Schon letztes Jahr im Herbst hatten Martin, Falk, Rainer und ich etwas tollkühn beschlossen, dort in diesem Jahr anzutreten.

Wegen Corona fuhren wir also unsere private Brevet-Serie, zu den offiziell geplanten Terminen aber mit selbst geplanten Strecken. Den 200er Richtung Fürstenberg, den 300er nach Nord-Osten über Prenzlau und Pasewalk. Der von Falk gebastelte 400er führte über den Oder-Radweg nach Süd-Osten um Cottbus herum.

Nun musste für 1000 Du Sud aber Bergtraining für uns Flachländer her. Deshalb planten wir einen 600er von Cottbus aus durch Elbsandsteingebirge und Erzgebirge zurück nach Berlin mit ca. 5500hm. Ein paar Wochen später als finaler Fitnesstest dann der legendäre Sachsen-600er über Harz und Thüringer Wald mit ca. 7000hm. Eine Woche danach fand zumindest ich, dass ich jetzt ganz gut in Form bin.

Zwei Wochen vor dem 1000 Du Sud wurde ich mit der Nachricht geweckt, dass u. A. die Provence jetzt Corona-Risikogebiet ist. Na toll! Hat diese Seuche nun also doch auch meine Pläne durchkreuzt. Bisher war ja das Radfahren trotz und gerade während Corona problemlos möglich, im Gegensatz zu vielen anderen Freizeitaktivitäten.

Natürlich war uns die vage Möglichkeit, dass etwas dazwischenkommen könnte, bewusst. Aber wir alle hatten den Urlaub gebucht und, auch nicht unwichtig, das OK unserer Familien für diese Woche in Frankreich. Jetzt wurden also Optionen gewälzt und Pros und Contras für die Fahrt abgewogen, fast jeden Tag mit anderem Ergebnis. Letztendlich habe(n) ich/wir entschieden, nicht nach Frankreich zu fahren, ich hätte es vor Familie und Arbeitgeber nicht verantworten können, zumal die Fallzahlen inzwischen deutlich über dem Stand vom Frühjahr liegen…

Es musste also eine Corona-kompatible Alternative her. Da Rainer schon einige Erfahrungen mit Superrandonees hat und von denen bisher ganz angetan war, hat er uns (Martin, Rainer und mich) kurzerhand für „Aufi muss i“ in Österreich angemeldet. Das ging alles sehr schnell und unbürokratisch.

Nun war also auch das Hin und Her im Kopf endlich beendet, und ich musste mich endgültig vom MDS2020 trennen und mich auf Österreich konzentrieren. Die Tour führt 600km kreuz und quer durch die Steiermark, dem östlichen Rand der Alpen. Sehr alpin ist es dort (leider) nicht, aber ca. 14.000hm sind es trotzdem. Doppelt so viele Höhenmeter wie beim Sachsen-600er und etwa genauso viele (pro km) wie beim MDS. Na wir haben es ja so gewollt. Zur Einstimmung habe ich (wie eigentlich sonst auch immer) den Track unter die Lupe genommen, alle Orte mit Läden, Wasserstellen, Bäckereien, Tankstellen etc. in meinem „Roadbook“ vermerkt. Ebenso die anvisierten Durchfahrtzeiten. Das war bei einem Zeitlimit von 60h bei 600km nicht allzu schwierig auszurechnen, für 10km hat man also eine Stunde 😊. Hört sich super komfortabel an.

Abfahrt von Berlin war am Sonnabendmorgen, gemeinsam mit Rainer, mit meinem Wohnmobil. Martin ist mit Wohnwagen und Frau unabhängig von uns aufgebrochen. Treffpunkt war der Wohnmobilstellplatz Graz am Sonntagnachmittag. Wir lagen gut in der Zeit, daher haben wir ca. 200km vor Graz in Österreich einen Übernachtungsstopp auf einer sonnigen Wiese eingelegt. Die Nacht hat es dann aber durchgeregnet, so dass die Rückfahrt zur Straße schon etwas spannend wurde.

Vormittags kamen wir in Graz, noch vor Martin, an.Die Startunterlagen haben wir uns direkt vom Veranstalter Tom, noch am Sonntag, abgeholt.

Zehn Uhr sollte es am Montagmorgen an der Hauptbrücke losgehen. Am Vorabend hatten wir noch Zeit, bei Martin am Wohnwagen „Pasta Party“ zu feiern und trotzdem zeitig ins Bett zu gehen. Gepackt war ja schon alles. Es regnete die ganze Nacht. Erst morgens nahm der Regen langsam ab, so dass wir auf nassen Straßen zum Start rollten. Aber immerhin kein Wasser mehr von oben. Die Temperatur war mit knapp über zwanzig Grad auch optimal.

Die Startzeit um zehn hatten wir aufgrund einer Baustelle, 30km nach dem Start, die man nur in der Mittagspause (ab 12 Uhr) oder nachts durchfahren durfte, so gewählt. 30 Kilometer mit 600 Höhenmetern in zwei Stunden, sollte bequem reichen. Eventuell noch 20min warten, verschnaufen, essen, gucken, was da am Antrieb so knackt und WhatsApp bedienen… War aber alles nicht, obwohl wir vor zwölf da waren, konnte man problemlos durchschieben. Naja, Zeit gespart. 6km später waren wir dann an der ersten Kontrolltafel auf 1000m Höhe.

900hm auf 35 Kilometern, da muss man zu Hause deutlich länger für fahren. Die Aussicht war leider durch Bäume und Wolken verstellt, aber es sollten ja noch ein paar Berge kommen. Also nur kurz Bananenpause. Die Strecke ging an vielen Gutshäusern, Kirchen, Schlössern, Weiden, Feldern und Wäldern vorbei. Die Straßen waren für Brandenburger Verhältnisse gut bis sehr gut. Bei den Abfahrten musste man trotzdem wegen der Feuchtigkeit und teilweise Split etwas aufpassen, ist mir bewusst geworden, als mein Hinterrad ganz kurz rutschte.

Vom ersten Berg runtergefahren, ging es auch schon wieder ca. 600hm mit etwa 10% dem nächsten Kontrollfoto entgegen. Kapelle Sommereben, nach 76km mit inzwischen 1600hm.

Schon 100hm vor dem Etappenziel begann mein Knie zu meutern. Toll, das konnte ja was werden.

Notfalls hatte ich zwar Ibuprofen dabei, aber eigentlich nur, um im Falle eines Abbruches gut nach Hause zu kommen. Aber beruhigen tut es doch, wenn man für den Notfall was dabeihat.

Bei den Abfahrten und den kurzen Momenten zwischen Abfahrt und Anstieg erholte sich das Knie aber immer wieder. Für die nächste Kontrolle in Freiland ging es 800hm hoch. Das zog sich dann schon bis zum späten Nachmittag hin.

Auf der anderen Seite des Berges, in Deutschlandsberg, wollten wir dann also was „richtiges“ Essen, wer weiß wann die nächste Möglichkeit kommt.

Zeitrechnung ist mit Bergeinfluss extrem schwierig. Die Distanz in km wird nebensächlich, entscheidend sind die Anzahl der Höhenmeter und die Steigung in Prozent. In neun Stunden sind wir bis hier stolze 130km geradelt, ohne länger Pause gemacht zu haben. In Deutschlandsberg finden wir schnell einen Döner und in der ausliegenden Zeitung gibt uns auf Seite zwei Model Isa den entscheidenden Tipp: „Man muss darauf achten, dass einem die Kondition nicht ausgeht!“ Na dann. Zumindest das mit dem „über die Route informieren“ habe ich gründlich gemacht.

Zuerst bricht Rainer auf, kurz danach ich. Martin braucht, wie immer, noch ein bisschen. Ist aber kein Problem, beim Fahren ist er der schnellste von uns, so dass er uns früher oder später immer wieder einholt. Der nächste Anstieg zur Weinebene (Ebene ist in Österreich irgendwie was anderes als bei uns) war der bisher längste mit 1200hm. Rainer und ich überholen uns hin und wieder, es wird dunkel, es riecht nach überreifen Pflaumen (hier heißt das vermutlich: Zwetschgen), Grillen zirpen. Das Knie meldet sich wieder und es fängt an zu nieseln. Oder ich fahre durch eine dicke Wolke. Es nimmt kein Ende, fast konstante 10%, mindestens! Martin kommt nicht. Im Dunkeln bleibt mir nur, auf die Zahlen auf meinem Navi zu starren. Der Gipfel kommt nicht näher, der Zeitpuffer wird auch eher kleiner, Kilometer mache ich keine. Und das Knie ist auch wieder da!

Aber, oh Wunder, irgendwann sind Rainer und ich doch oben. Es ist halb elf und inzwischen ziemlich kalt geworden. Wir sind ja auch auf knapp 1700m Höhe. Sieht man bloß leider nichts von im Dunkeln. Wegen der Kälte ziehen wir uns für die Abfahrt alles an, was wir haben. Martin meldet sich, er hatte direkt nach dem Abendessen beim Döner einen Platten. Er ist jetzt eine halbe bis ganze Stunde hinter uns. Wir dürfen weiterfahren, schreibt er.

Abwärts geht es nach Wolfsberg, einer etwas größeren Stadt. Dort gibt es auf der Suche nach Wasser an einer Autowaschanlage nur Warmwasser aus der Wand, aber in der kalten Nacht ist das nicht das Schlechteste. Kurz darauf geht es auf den Oberleidenberg, aber diesmal über längere Abschnitte mit 17 bis 19 Prozent. Ein guter Grund, mehrmals ein paar Meter zu schieben. Das Kontrollfoto gibt es an einer im Dunkeln unspektakulären Kreuzung, wo ich kurz auf Rainer warte.

Das Knie schmerzt, so dass ich nicht mehr weiß, wie ich stehen, sitzen oder liegen soll. Da deshalb das andere Bein etwas mehr belastet wird, ist dieses auch nicht mehr ganz frisch. Ich habe nun doch zwei Tabletten genommen, und mir gesagt, wenn die Schmerzen jetzt wiederkommen, höre ich auf. Inzwischen haben wir 196km und 5600 Höhenmeter auf dem Tacho. Es ist halb zwei. Keine Ahnung, was das jetzt bedeutet, ein Drittel Weg und ein Drittel Höhenmeter. Gefühlt aber wie…weiß nicht.

Mit Rainer geht’s wieder abwärts bis nach Bad Sankt Leonhard. Plötzlich beginnt es stärker zu regnen, so dass jetzt eine Nachtunterkunft sehr dringlich wird. Entgegen dem Track fahren wir rechtslang, Richtung eines hell erleuchteten Industriegebietes. Das Verwaltungsgebäude der KLH Massivholz GmbH hat zumindest einen überdachten Eingangsbereich. Etwas unschlüssig stehen wir da. Ein 24h-Hotel gibt es laut Veranstalter bei km315. Das ist für mich keine Option mehr, noch über 100km und etliche Höhenmeter. Rainer guckt nach oben. Dort gibt es einen Umgang mit Glasgeländer und Holzboden. Also die Räder in die erste Etage getragen und das Nachtlager vor diffus beleuchteten Besprechungszimmern bereitet. Gegen vier weckt mich Rainer, er hat die ersten Angestellten gesichtet. Na dann schnell zusammengepackt und weiter.

Zum Glück hat der Regen aufgehört. Es geht mit nur geringer Steigung über die Bundesstraße 75 mit viel LKW-Verkehr. Eigentlich gut zu fahren aber mal Radweg lins, mal rechts mal ohne, die LKW sind beängstigend. In Obdach geht es endlich runter von dieser Straße, nur um nach der Ortsdurchfahrt wieder darauf zustoßen und für weitere 12 Kilometer den LKW-Terror ertragen zu müssen. Aber es geht sachte bergab, eine seltene Freude. In Eppenstein, in einer Tankstelle, Laden, Bistro in einem, gibt es den ersten Kaffee des Tages und es wird langsam hell. Schön, im warmen zu sitzen und vor sich hinzustarren. Ich kann mich für keine der Lederhosen, die hier angeboten werden, so richtig entscheiden.

Kurz nach sechs kommen die ersten Gäste (außer uns) und bestellen Bier. Rainer fährt wieder kurz vor mir los. Martin meldet sich, er hat schon in Wolfsberg geschlafen. Für ca. 20km geht es jetzt wieder bergauf, zum Gaberl. Die Luft und die Straßen sind feucht vom Regen aber sehr kalt ist es nicht mehr.

Oben angekommen sind wir gegen neun. Das Knie tut natürlich wieder weh. Es ist ungemütlich, feuchtkalt, mitten in einer Wolke. Hier kann man den Winter schon ahnen. Zum Glück hat das Wirtshaus schon geöffnet und es gibt Frühstück. Spiegeleier mit Speck und viel Kaffee, genau das Richtige. Wir sind auch nicht die Einzigen, diese Passhöhe scheint auch ein beliebtes Ziel unter Motorradfahrern zu sein. 24 Stunden und 256 Kilometer geschafft. Das heißt, anderthalb Stunden Zeitpuffer, nicht so richtig komfortabel. Rainers Plan, in der zweiten Nacht für mehrere Stunden ein Hotel zu nehmen, scheint momentan unrealistisch. Ich studiere die Karte und gehe die verschiedenen Optionen durch: einfach weiterfahren trotz Knie, Hotel nehmen und hoffen, dass alles besser wird und außerhalb der Zeit ankommen, direkt abbrechen und nach Graz zurückfahren. Bei Kilometer 300 oder spätestens bei 340 gibt es Möglichkeiten elegant Richtung Graz abzukürzen, das versuche ich mir erstmal so zu merken.

Ich bestelle noch mehr zu essen und Rainer fährt schon mal los. Er hat noch den Ehrgeiz, in der Zeit anzukommen.

Die nächsten 50 Kilometer fahren sich dann aber erstmal ganz gut, mit nur kürzeren Steigungen, teilweise auch leicht bergab.

In Deutschfeistritz mache ich an einem Supermarkt Mittagspause, Rainer ist wieder hinter mir. Inzwischen ist es richtig warm und sonnig geworden. Da kommt der nächste Anstieg ja gerade recht.

In Fladnitz gibt es nochmal einen Wasserhahn um die Flaschen aufzufüllen, dann geh es hoch zur Teichalm. Offensichtlich ein beliebtes Ausflugsziel nach Feierabend. Immer diese 10%!

Kurz vor der Passhöhe der Teichalm stoppen Rainer und ich nochmal kurz an einer Bank zum Verschnaufen. Ich studiere nochmals die Karte. Komoot sagt, bis Graz ca. 40km, 1400hm runter, 500hm hoch. Das klingt verlockend und eigentlich steht es spätestens jetzt fest: Ich will noch bis zur Teichalm hochfahren und entweder dort übernachten oder direkt nach Graz zurückfahren. Beim Weiterfahren wird mir dann so langsam klar, dass ich das hier, zum ersten Mal überhaupt, nicht zu Ende fahre und abbreche. Ich grüble ewig hin und her, ob es wirklich so schlimm ist mit dem Knie. Aber noch sieben Mal mind. 500 Höhenmeter am Stück scheinen mir beim besten Willen nicht mehr möglich. Andererseits habe ich ja auch eine gute Ausrede (Knie) zum Aufhören. Wenn ich einfach „nur“ fertig gewesen wäre, und fertig war ich auch, hätte ich sehr viel länger mit mir gerungen. Und die ewigen Fragen: Warum habe ich vor drei Jahren den MDS geschafft, und dass hier dann nicht? Zu wenig gefahren? Zu wenig Berg geübt? Lebenswandel zu ungesund? Schlechtere Grundfitness? Und was bedeutet das für zukünftige Teilnahmen bei MDS? Alles Mist!

Dann kommt das letzte Kontrollfoto. Die Teichalm finde ich eher enttäuschend, nicht sehr romantisch und pittoresk, sondern eher wie Massentourismus. Der „Teich“ ist von sauber gemähtem Rasen mit Liegestühlen eingefasst, große Parkplätze. Alles irgendwie wie Golfplatz. Ist bestimmt toll was los hier, im Winter. Hier übernachten ist jetzt auch nicht das, was ich mir so schön romantisch ausgemalt habe. Oben beim Teichalmwirt haben wir gerade noch Zeit, was Warmes zu Essen zu bestellen, bevor die Küche 18:00 Uhr zu macht. Bei Bier und Gulasch lasse ich mich von Rainer und meiner Frau am Telefon trösten.

Rainer fährt weiter, der harte Hund, und ich fahre so wie ich mich raufgequält habe, wieder runter. Unterwegs treffe ich auch Martin und erzähle ihm von meinem Entschluss. Die 500hm runter sind schnell vernichtet. Dann geht es in der Abenddämmerung nochmal durch ein schönes Tal, was aber irgendwann zu Ende ist. Rundherum stehen garstige Berge im Weg. Also ein letztes Mal 500hm rauf. Es ist sehr einsam auf den kleinen Straßen, nur ein Reh rennt ab und zu vor mir her. Es könnte also eigentlich schön sein. Der erste Teil der Abfahrt nach Graz ist leider so steil, dass die mühsam gesammelten Höhenmeter komplett in Bremsabrieb und warme Felgen verwandelt werden. Aber bergauf geht es jetzt zum Glück nicht mehr und Graz kommt in Sicht. Ich halte noch mal an, und stelle fest, dass es bis Graz zwar noch 6km sind, bis zum Wohnmobilstellplatz aber noch 13. Also nochmal quer durch die Stadt. Um 22 Uhr habe ich es dann endlich geschafft, 400km und 9000hm. Am Wohnmobil empfängt mich Martins Frau mit Salbe in der Hand und will mir gleich was Warmes zu Essen machen. Sehr nett! Aber eigentlich will ich nur noch mein Bier trinken und ins Bett. Kalt geworden ist es inzwischen auch wieder. Ich denke nochmal kurz an Martin und Rainer, die sich jetzt entweder den nächsten Anstieg hochquälen oder eine Abfahrt runterzittern. Dann gehe ich ziemlich schnell duschen und in mein warmes Bett.

Der nächste Tag beginnt sehr träge und planlos, gegen Mittag fahre ich Richtung Zentrum, esse irgendwo Mittag und fahre den Schlossberg hoch. Das geht also schon wieder. Nach etwas rumlungern im dortigen Biergarten beschließe ich, Rainer entgegen zu fahren. Er ist jetzt ca. eine Stunde vor Graz. Hinter Graz, in einer Kurve der letzten Abfahrt, kommt er mir, frisch von einer Hornisse gestochen entgegen. Zusammen fahren wir zur Hauptbrücke für das finale Foto. Nebenan im Biergarten trinken wir das verdiente Bier und warten auf Tom, den Organisator, der gleich vorbeikommen will. Das Organisatorische wird schnell erledigt, die Kontrollfotos begutachtet und dann noch etwas gequatscht. Kurz nachdem ich dann mit Rainer zum Wohnmobilstellplatz gefahren bin, meldet sich auch Martin, dass er demnächst im Ziel sein wird. Also fahre ich nochmal los und sammele kurz nach zehn auch Martin halbwegs wohlbehalten ein.

Tja, und das Fazit? Landschaftlich ist diese Superrandonnee sehr reizvoll mit vielen kleinen Orten und Höfen. Man kommt durch Wälder, an Kürbisfeldern vorbei, viele Almen/Weiden mit Kuhgebimmel. So spektakulär wie Frankreich beziehungsweise die Alpen „weiter oben“ ist es aber nicht ganz. Die Gipfel waren oft noch mit Wald bewachsen oder es war eben dunkel. Die Straßen waren sehr gut zu fahren, die Menschen freundlich. Das Wetter war ideal, am ersten Tag wolkig, um 20 Grad, am zweiten Tag dann sonnig und wärmer. Nachts wurde es aber schon deutlich kühler, oben bis ca. fünf Grad.

Ob ich diese Runde wirklich nochmal in Angriff nehme, wie Rainer prophezeit, kann ich mir momentan nicht vorstellen. Es ist schon eine krasse sportliche Herausforderung für uns Flachländer. Ein Anstieg reiht sich an den nächsten, fast schon mit Tendenz zur Eintönigkeit. So habe ich es zumindest zeitweise empfunden, ob Martin und Rainer das auch so sehen, weiß ich nicht.

Aber alles in Allem war diese Woche, ganz im Zeichen unseres Hobbys, mit Freunden, ein tolles Erlebnis. Nur Radfahren, essen, schlafen, Wunden lecken, quatschen, schön.

Hier schreibt Rainer ein paar Sätze auf Strava.

Nachlese zum 600er Bergtraining

Unseren diesjährigen Ersatzsechshunderter hatte ich als Bergtraining geplant, wir wollen ja dieses Jahr noch in Frankreich 1000 Kilometer Süden absolvieren. Deshalb wurden die ersten Kilometer bis Cottbus mit der Bahn zurückgelegt, um mehr Zeit in den bergigeren und unbekannteren Gegenden zu haben.

Es war schwerer als erwartet. Der Berliner Radfahrer hat viele Eindrücke zu verarbeiten, und deshalb schreibe ich das hier mal wieder auf, so lange die Erinnerung noch nicht verblasst ist und man sich nur noch an die schönen Erlebnisse erinnert. Fotos gibt es leider keine, wegen Regen, Dunkelheit und weil ich irgendwie nie den Nerv dafür hatte.

Die Höhenmeter sind nicht sehr gleichmäßig verteilt

Kaum in Cottbus den Bahnhof verlassen, begann es leicht zu regnen. Auf schnellstem Weg über die B97 raus aus Cottbus. Nach 15min war Regenkleidung anziehen angesagt. Fahrbahnbegleitender guter Radweg und Fahren auf mehrspuriger Bundesstraße wechselten sich mehrmals ab. Aber abends war relativ wenig Verkehr. Nur ein Autofahrer wollte uns unbedingt abbremsend und wild hupend mitteilen, dass es doch um Cottbus so viele schöne Radwege gäbe, die man nutzen könnte. (Ich hätte ihm gerne von einer wirklich schönen Autobahn erzählt, wo man richtig gut Auto fahren kann, bin leider nicht sehr schlagfertig). Die Straße war komplett leer, er hatte zwei Spuren (in seine Richtung) für sich alleine. Einen Radweg gab es an dieser Stelle nicht. Verstehe ich alles nicht. Hier im Berufsverkehr mit Rad langzufahren, ist sicher nicht sehr entspannt. Der Regen wurde auch immer stärker.

Ab Spremberg (km20) ging es erstmal weg von der B96 auf einen Radweg entlang der Spree. Landschaftlich sehr schön und abwechslungsreich. Zum Beispiel musste eine ca. 15cm tiefe Furt durchquert werden. Leider war es inzwischen fast dunkel. Durch Regen und Sturm lag viel nasser Dreck und Sand auf dem kurvenreichen Weg, so dass wir nicht allzu schnell vorankamen. In einer größeren, ambitionierteren Gruppe wären hier Stürze sicher vorprogrammiert.

Irgendwann landeten wir wieder auf einer der typischen Straßen in der Lausitz, schnurgerade, Kiefernwald, Truppenübungsplätze und Tagebaugelände. Aber wenigstens kein Autoverkehr mehr. Und Rückenwind. Und Regen. Und Falks Schutzbleche schützen überhaupt nicht die Mitfahrer! In Bärwalde dann endlich wieder runter von dieser Straße in den Wald. Im Scheinwerferlicht sehe ich kurz eine Infotafel zum Thema Wolf. Rascheln im Wald. Es ist sehr dunkel und einsam auf einem ehemaligen Militärgelände (oder Tagebaugelände?).

In Löbau (km95) war die Kontrolltankstelle hell erleuchtet. Ein später Gast zeigte uns die Klingel und tatsächlich durften wir eintreten. Die freundliche Tankstellenfrau erfüllte uns alle Wünsche. Nach wenigen Minuten standen wir in einer Riesenpfütze um einen Tisch und freuten uns über den heißen Kaffee. Für Unterhaltung sorgten zwei schon etwas mitgenommene Stammgäste. Tankstellenverkäuferinnen sind auch Sozialarbeiter, gerade nachts. In Sachsen gibt es übrigens kein Corona, keine Maske, kein Abstand, die Toilette ist selbstverständlich auch auf. Fand ich in dem Moment sehr gut.

Bis Zittau, dem südöstlichen Wendepunkt der Tour, sind es knappe 30km, anderthalb Stunden Regenfahrt. Hier leider nur Nachtschalter an einer Tankstelle. Aber mit heißem Kaffee. Weil es aber Caffee Crema ist, gab es den nicht mit Milch und Zucker, auch auf Nachfrage nicht. Aber auch hier Kulturprogramm durch feierndes Jungvolk, zum Teil nur mit Arztumhang bekleidet. Wir haben unsere Handschuhe und Trikots ausgewrungen und uns gegenseitig mit großen Augen angeguckt. Die Augen wurden noch größer, als die Fragen nach woher und wohin beantwortet wurden.

Dann ging es wieder weiter durch den Regen, durch die Nacht über kleine Straßen. Allmählich wurde es aber auch schon wieder hell, und man konnte die schöne hügelige Landschaft mit den typischen Umgebindehäusern (habe ich von Rainer gelernt) erahnen. Ist im Hellen und ohne Regen bestimmt auch mal schön. Da wir Tschechien aus Coronagründen umfahren wollten (bei der Streckenplanung war die Lage noch unklar) sind wir in großem Bogen nach Sebnitz gefahren, wo es bei einem Bäcker Kaffee und Kuchen zum Frühstück gab. Nur Falk hat sich lieber in einen Hauseingang schlafen gelegt.

Hinter Sebnitz geht es lange leicht bergab durch den Nationalpark Sächsische Schweiz durch das Tal der Kirnitzsch mit schönen Felsformationen, Wald und Flussgeplätscher. Der Regen wurde langsam schwächer, allerdings bremste uns der Gegenwind ganz schön.

Gegen halb acht erreichten wir die Ostrauer Mühle nach 204 nassen Kilometern. Dieser Ort war unsere Rettung, denn hier hat Falk einen guten Freund, Micha, der uns in einem ungenutzten Ferienhaus duschen und schlafen ließ. In richtigen Betten! Der Wecker wurde auf halb zehn gestellt, wir waren ja zum Radfahren hier. Als wir loswollten, bekamen wir von Micha noch Kaffee angeboten. Wir wollten eigentlich weiter, aber in diesem Moment fing es wieder an zu regnen. Also doch Kaffee. Dann wurde gegen unseren Willen eine große Kiste Frühstückszutaten vor uns ausgebreitet. So saßen wir gemütlich eine weitere Stunde unterm Dach, ließen es uns gut gehen und beobachteten das Wetter. Kalt war es ja zum Glück nicht, die Sachen waren zumindest nicht mehr tropfnass. Schließlich rafften wir uns doch auf und machten uns auf den Weg Richtung Fähre in Bad Schandau. Falk blieb noch etwas länger bei Micha und genoss das Wiedersehen.

Vor der Fähre konnte ich mit meinem doch schon etwas weichen Hirn den Fährplan nicht deuten. Im Endeffekt warteten wir hier ca. eine halbe Stunde, bis wir übergesetzt wurden. Aber zur 2km entfernten Brücke zurückzufahren, hatte auch keiner so richtig Lust.

Auf der anderen Seite der Elbe ging es dann so richtig los mit dem sportlichen Teil. Im Prinzip ging es von hier nur bergauf bis nach Zinnwald. Natürlich nicht ohne die wertvollen Höhenmeter bei kurzen schnellen Abfahrten wieder zunichte zu machen. Markus Kette sprang beim Schalten vorne hin und wieder ab. Schalten war ständig angesagt. Als er während der Fahrt einmal versucht hat, die Kette wieder aufs Blatt zu bekommen, gerät sein Finger zwischen Kette und Blatt und wurde einmal durchgedreht. Zwangspause, um das rumspritzende Blut irgendwie zu stoppen. Ich habe in meiner Tasche noch ein olles Pflaster, Isolierband und Klopapier gefunden. Damit musste es erstmal gehen. Hinter ein paar weiteren Anstiegen wartete auch Martin auf uns. Er war Erste-Hilfe-mäßig deutlich besser ausgestattet als wir, und die Verletzung wurde nochmal etwas gründlicher behandelt. Trotzdem ist es eine Quälerei, mit kaputtem Zeigefinger zu schalten, zu bremsen und den Lenker zu halten. Es waren ja auch noch deutlich mehr als 300km zu fahren.

An den Anstiegen vor Zinnwald verloren Markus, Martin und ich uns allmählich wieder aus den Augen. Kurz vor Zinnwald kam mir Rainer mit 2 Mitfahrern entgegengerast. Was für ein Zufall! Leider konnte Rainer nicht mit auf unsere Tour kommen, weil er dieses Wochenende mit einem anderen Event (Stoneman) verplant hatte. Das wir uns nun trotzdem hier getroffen haben, freute mich sehr. Bis Zinnwald ist es wohl nicht wehr weit, meinte er. Das gab wieder etwas Kraft.

Oben in Zinnwald wartete Martin schon an einer Bushaltestelle. Weiterhin gibt es hier noch eine geschlossene Pension und ein wegen Corona geschlossenes Restaurant. Wir hatten aber Hunger! Google versprach einige Restaurants auf tschechischer Seite. Also fuhren wir nochmal ein Stück zurück und nach Tschechien. Und tatsächlich: gleich 2 Restaurants und ein Laden mit Allem. Martin und ich kehrten schon mal bei „Stepan“ ein und warteten auf Markus. Als Knoblauchsuppe, Gulasch mit Knödeln und gebratener panierter Käse schon auf dem Tisch standen, kam die Nachricht das Markus nach Altenberg zum Bahnhof abgebogen ist. Der Finger macht zu große Probleme. Sehr schade, aber vermutlich auch vernünftig.

Frisch gestärkt fuhren Martin und ich erstmal getrennt weiter. Hinter Zinnwald geht es in den Wald auf einen Radweg mit losem Untergrund, der sich aber zumindest im Hellen gut fahren ließ. Erst noch kurz bergauf bis zum Kahlenberg auf etwas über 800m, dem höchsten Punkt der Tour. Dann folgte eine ca. 5km lange Abfahrt, immer noch auf losem Untergrund. Nach weiterem Auf und Ab ging es bei km274 in eine zehn Kilometer lange, sehr angenehm zu fahrende Abfahrt. Das haben wir uns aber auch mal verdient, da kommt die Motivation auch langsam wieder nach der endlosen Quälerei.

In Marienberg kam ich tatsächlich noch an einem Penny vorbei, der offen hatte. Ich brauchte aber leider nichts, ich hatte noch eine Kofola und Schokoriegel aus Tschechien dabei. Kurz darauf traf ich Martin wieder, der am Wegesrand Pause machte. Ich trank die Kofola, die fast noch kalt ist. Was für ein Genuss! Dann fuhren wir zusammen weiter bis Annaberg-Buchholz. Vor und in der Stadt gibt es Rampen mit ca. 20%, da kann man auch mal schieben. Mit einer Gruppe möchte ich durch diese Wege und Gassen nicht fahren müssen. Wie machen das die Einwohner hier im Winter? Eigentlich wollten wir hier nochmal gepflegt Abendbrot essen. Allerdings wurden gerade alle Bürgersteige hochgeklappt, Küchenschluss ist überall 21:00 Uhr. Selbst McDonalds hat ab 21:00 Uhr nur noch den Drive-In-Schalter. So ist aus dem Abendbrot eine Bockwurst und Kaffee vom Nachtschalter der benachbarten Tanke (rein dürfen wir aus versicherungstechnischen Gründen nicht) geworden, etwas demotivierend. Bei einem Anruf zu Hause habe ich die voraussichtliche Ankunftszeit um 10 Stunden nach hinten verschoben. Es ist Sonnabend spät abends, und wir hatten gerade mal gut die Hälfte der Strecke geschafft. Es ging nicht richtig voran. Nachricht von Falk: Er ist ohne Pause durch Annaberg durch und damit jetzt vor uns! Wie hat er das gemacht? In den Bergen blüht er richtig auf, glaube ich.

Wir beschlossen, wenigstens die 400km noch voll zu machen, bevor wir uns einen schönen Schlafplatz suchen. Hinter Annaberg war es dunkel, aber hoch und runter ging es natürlich weiterhin. Irgendwann trafen wir wieder auf Falk und fuhren ein Stück gemeinsam. Er legte sich aber bald ins Gras am Weg. Warm war es ja, und mit seiner Rettungsdecke war er zufrieden. Bei km408, gegen halb drei, fanden auch Martin und ich eine schöne Bushaltestelle, rundum geschlossen und so sauber, dass man auf dem Fußboden schlafen konnte. Ich war froh, dass ich meinen Schlafsack mithatte. Ist irgendwie doch bequemer. Kurz bevor der Wecker halb fünf klingelte, bekam ich die Nachricht von Falk, dass sein Track in Wurzen, bei km462 endet! Wir treffen uns dann in Grimma, da macht um sieben ein Bäcker auf.

Ich war mir sicher, dass mit meinem Track und Navi alles in Ordnung ist, aber dann sehe ich, dass bei mir ab Wurzen nur noch eine Luftlinie nach Berlin angezeigt wurde. Nach dem Neuladen des Tracks wurde mir immerhin Luftlinie und Track angezeigt. Abbiegehinweise gab es dann aber ab Wurzen auch bei mir keine mehr. Wir hatten uns schon gewundert, warum in Cottbus nur 460km bis zum Ziel angezeigt wurden. Auf meinem Handy waren keine Probleme mit dem Track erkennbar. Rätselhafte Technik.

Beim Bäcker gab es leider nur Süßes, dabei hätten wir gerne mal wieder was Herzhaftes gegessen, nach den ganzen Riegeln in der Nacht. Naja, besser als nichts. Zu dritt fuhren wir dann den Mulderadweg lang, Anstiege gab es hier keine mehr. Das war zwar weniger anstrengend, aber beim so Dahinradeln mussten wir aufpassen, dass uns die Augen nicht zufallen. Daher haben wir uns keine Stunde hinter Grimma nochmal ins Gras fallen lassen und etwas geschlafen.

Danach ging es dann doch deutlich besser. Der weitere Weg über Eilenburg, Bad Düben, Lutherstadt Wittenberg, Zahna, Beelitz und Potsdam war unspektakulär, oder mein Gehirn war nicht mehr aufnahmefähig. Teilweise gab es etwas kräftigeren Wind von vorn, aber wir hatten ja zum Glück Martin dabei, der sich meistens nach vorn gedrängelt und für angenehmen Windschatten gesorgt hat. Einige längere Kopfsteinpflasterabschnitte gab es hier auch noch. Insgesamt war der Straßenbelag die für die Berliner Randonneure typische Mischung aus Asphalt in allen Qualitäten, Platten, Gravel und Pflaster. Nichts, was nicht fahrbar wäre. Reine Rennradler hätten aber sicher gemault. Wir haben noch drei Mal Pause an Tankstellen gemacht, mit Heißhunger komische Speisenzusammenstellungen verdrückt und uns meist von Martin ziehen lassen. Auf einem üblen, vollen, schmalen Radweg entlang der B2 ging es nach Potsdam, wo die Radinfrastruktur sehr gewöhnungsbedürftig erschien. Aber egal, gleich geschafft. Am letzten Anstieg, dem Schäferberg, kurz vor dem Ziel, verbraten wir noch unsere allerletzten Reserven und rollen in den gut gefüllten Biergarten an der Spinnerbrücke ein.

Nach 46:18h, 620km und ca. 6000hm haben wir uns unser Bier und Zielzigarillo mehr als verdient.

Die Strecke: Bis kurz vor Löbau (88km) eben. Ab da bis auf Höhe Chemnitz auf 285km 4000hm, 14,4 hm/km. Die letzten 180km wieder flach. Die Versorgungslage war auf einigen Abschnitten eher spärlich, vor allem ab Sonnabendabend. Landschaftlich sehr schön, vor allem der südliche, mittlere Abschnitt, viel Wald mit Gebirgsbächen, Felsen, kleinen netten Ortschaften und wenig Verkehr.

Erfahrungen, die wir gerade bei dieser Tour (wieder) gemacht haben:

Niemals nur auf das Navi verlassen. 4 von 4 Navis (3 x Garmin, 1 x Wahoo) hatten mehr oder weniger dramatische Aussetzer. Markus‘ Wahoo ist in Bad Schandau (wegen Nässe?) eingefroren, Martins Garmin hat keine Abbiegehinweise angezeigt, Falks Track war in Wurzen zu Ende, den Rest hat Garmin offensichtlich „wegberechnet“, mein Garmin hat ab Wurzen den Track und die Luftlinie nach Berlin parallel angezeigt und keine Abbiegehinweise mehr ausgegeben. Möglicherweise lag das auch an der GPX-Datei selbst, aber diese Erkenntnis nützt einem in der Pampa im Zweifelsfall auch nichts. Auf dem Handy, in Komoot, wurde der Track korrekt dargestellt.

Erste-Hilfe-Material sollte man dabeihaben. Habe ich in knapp 10 Jahren Langstrecke zwar nie gebraucht, aber irgendwann braucht man es dann doch mal. Ein wenig Glück ist eben auch dabei, wenn man so lange unfallfrei bleibt. Bei der nächsten Tour habe ich sicher Pflaster, einen kleinen Verband + Kompresse, Desinfektionsmittel, Pinzette, mehr Tape als bisher und evtl. Pinzette dabei.

Zeitrechnungen, die auf Flachlanderfahrungen beruhen, sind sinnlos, wenn Höhenmeter dazu kommen. Von der Fähre in Bad Schandau bis nach Zinnwald habe ich für 55km ca. 6 Stunden gebraucht! Also entweder eine Formel erfinden, die die Höhenmeter mit einbezieht oder die ganze Rumrechnerei sein lassen und einfach fahren. Müssen ja so oder so alle weggetreten werden, diese fiesen Höhenmeter.

Nach acht Stunden Regenfahrt kann die Jacke noch so „Shakedry“ oder sonst was sein, man ist einfach nass! Das Wasser läuft an den Ärmeln, am Hals und von unten rein. Immerhin bleibt es auch mit nasser Regenjacke wärmer als ohne. Gegen nasse Füße hilft (erstmal) ein Paar Reservesocken, mit denen man in Mülltüten und damit in die nassen Schuhe steigt.

Die Schaltung sollte sehr gut eingestellt sein. Man schaltet permanent, hinten und vorne. Die Bremsbeläge raspeln sich bei feuchten Bedingungen und Bergen schneller weg als gewohnt, evtl. Ersatz mitnehmen.

Bedanken möchte ich mich besonders bei Micha, dessen Gastfreundschaft die nötige Kraft für die 400 restlichen Kilometer gegeben hat. Micha, Du kannst Dir sicher sein, dass Du in Berlin auch immer ein Bett, eine warme Dusche und ein Frühstück finden wirst! Danke an Markus für Deine nette Gesellschaft, beim nächsten Mal wird das zu Ende gefahren! Danke an Martin für den Windschatten! Danke an Falk für das Bier! Das war lecker! Schön, dass wir zu viert waren. Mir hat´s gefallen (2 Tage später 😉

PBP- Ein Bericht von Raul

Mein Paris-Brest-Paris: ein Erlebnisbericht
oder Tag und Nacht Tour de France Atmosphäre

Frohen Mutes startete ich an einem Sonntagnachmittag im August im ersten Block. Unser Zeitlimit betrug 80 Stunden aber daran denkt niemand, wenn er nach dem Start durch ein applaudierendes Menschenspalier fährt. Es ging in einem Tempo los, als wenn es keinen nächsten und übernächsten Tag zu fahren gilt. Am Anfang war ich vor allem damit beschäftigt sturzfrei im Peloton mit zu rollen. Als wir mit mehr als 40 km/h, begleitet von einer Motorradeskorte, die energisch alle Autofahrer aus dem Weg wies, durch den französischen Norden brausten, kamen erste Euphorieschübe auf. Ich dachte bei mir: schneller fahren heißt kürzer leiden, und versuchte es zu geniessen.


Der besondere Geist von PBP sind für mich nicht nur die Teilnehmer aus aller Welt, sind nicht nur die vielen freiwilligen Helfer, die sich Tag und Nacht um die Radfahrer kümmern, es sind vor allem die Zuschauer, die genauso mitfiebern und anfeuern, wie man es aus den Medien kennt, wenn die Tour de France unterwegs ist. Sie stehen am Straßenrand, erheben sich in den Cafés und Restaurants von ihren Plätzen, sie parken mit ihren Caravans neben der Straße, sitzen auf Campingstühlen, Kinder reichen Wasserflaschen, in den Vorgärten stehen Tische mit Crepes und Rotwein für uns bereit und jeder vorbei kommende Radfahrer wird beklatscht und aufgemuntert. Immer wieder höre ich „Allez, Allez“ oder „bon courage“-Rufe. Ganze Dörfer sind geschmückt mit Daumen-Hoch-Schildern und Transparenten. Auch habe ich Fahrräder mit Weihnachtsbaumbeleuchtung gesehen, die in den Bäumen hingen.

Die Begeisterung entlang des Weges trug mich durch die erste Nacht und schließlich bis zum Atlantik, der schon von weitem an dem immer stärker werdenden Gegenwind zu spüren war. Endlich Brest. Endlich am Wendepunkt. Leider drehte der Wind auf dem Weg zurück von West über Nord auf Nordost, so dass der herbei gesehnte Rückenwind eine Fata Morgana blieb. Ich tröste mich damit, dass es wenigstens nicht regnete.


Die zweite Nacht war dennoch feucht und kalt. Bei jedem Atemzug hatte ich das Gefühl, als tränke ich ein Glas Wasser. Eigentlich hatte mein Fahrplan vorgesehen, die zweite Nacht zu schlafen und Kraft zu tanken. Ein erfahrener Randonneur, der das vierte Mal bei PBP unterwegs war, riet mir davon ab. Die Schlafsäle an den Kontrollstellen wären restlos überfüllt, um diese Zeit Schlaf dort schwerlich zu finden. Also dachte ich mir: probierste es eben mal. Und siehe da, es ging besser als erwartet mit dem Wachbleiben in der zweiten Nacht und dem endlosen Treten, Treten, Treten.

Es ging auch deshalb so gut, weil mir, der ich bereits auf dem Rückweg war, immer noch Radler entgegen kamen. Mit ihren hellen, leider oft viel zu grellen, LED-Leuchten illuminierten sie die Nacht. Eine schier endlose Glühwürmchenprozession auf den Straßen der Bretagne.

Aber vor allem kam ich mit dem Schlafentzug besser zu Recht als erwartet, weil ich Alain traf. Alain war ein sympathischer Bretone, der gleichmäßig wie ein Uhrwerk die Strecke abspulte. Alain erzählte mir von seiner Heimat, seinem Dorf, seiner Familie, seinen Trainingsstrecken. Alain konnte zwar nur französisch sprechen und mein Französisch scheitert schon beim Bestellen im Bistro grandios, aber wenn man total erschöpft und völlig übermüdet durch die Nacht radelt, dann glaubt man alles zu verstehen und jede Sprache perfekt sprechen zu können. Das ist das Schöne an der Tortur: ab einer bestimmten Dauer und Distanz ist man wie im schönsten Rausch unterwegs.

Leider verlor ich nach ca.1000km Alain an einer der Kontrollstellen aus den Augen und der Rausch war dahin. Dafür traf ich Stephan, einen Berliner-Randonneur, mit dem ich schon einige Brevets gefahren war. Gemeinsam nahmen wir die letzten 200km in Angriff. Gemeinsam klagten wir uns unser Leid: Knie, die zu uns sagten: „Steigt ab und zwar sofort!“, schmerzende Handgelenke, brennende Muskulatur, verschorftes Sitzfleisch. Gemeinsam kämpften wir uns aus jedem Tief mit Liedzitaten wieder heraus. „Die Folter endet nie, wir werden dennoch siegen.“, „Höllenfahrt am Nachmittag. Ich höre was der Ostwind sagt.“ und „Non, je ne regrette rien …“ waren unsere Favoriten.

Gegen Ende unserer Strecke sahen wir in der Ferne zwei Radler vor uns. Ich rief Stephan zu: „Und jetzt den belgischen Kreisel!“ Und wir stürmten los wie junge Hunde, die von der Leine gelassen werden, hatten plötzlich wieder Kraft und Frische wie am Start. Schnell waren wir an die beiden heran gesprintet. 2 Deutsche aus dem ersten Block, mit denen wir anfangs unterwegs gewesen waren. Gemeinsam erreichten wir das Ziel. Wir fielen uns in die Arme, bekamen erst ein eau-de-vie gereicht und dann die Medaille umgehängt. In unserem Kopf nur noch ein einziger Gedanke: Essenduschenschlafen.

Zwei Tage später. Langsam realisiere ich, dass ich es geschafft habe. Dass ich die Strecke viel schneller als gedacht, als geplant, als erträumt gefahren bin, in 52 Stunden. Tiefe Zufriedenheit, pure Freude, in den nächsten Wochen bin ich restlos voll davon. Plötzlich beschließe ich, dass PBP für mich nicht in Rambouillet, dem offiziellen Start und Ziel am westlichen Rand des Großraumes Paris, enden darf. Wenn schon Tag und Nacht Tour de France Atmosphäre entlang des Weges, dann auch Tour de France Finale auf dem Champs-Elysées. Noch einmal aufs Rennrad. Endgültig am Ziel. Arc de Triomphe!